Kategorie: Tipps
pix The Busking Project: Auf der Spur von Straßenkünstlern um die Welt

40 Städte, 30 Länder, 5 Kontinente, 10 Monate, 3 Leute, 1 ehrgeiziges Ziel: Den ersten Dokumentarfilm über Straßenkünstler weltweit zu machen! “Dummheit und Mut liegen nah beieinander”, meint Project Manager Chris Smith mit typisch britischem Humor, wenn er von “The Busking Project (TBP)” spricht. Über siebeneinhalb Monate sind vergangen, als ich ihn, die US-Amerikanerin Belle Crawford (Artistic Director) und Mardy Malika Umilta aus Singapurin einem Café in Bogotá treffe: Siebeneinhalb Monate, in denen das Team rund um die Uhr zusammen gearbeitet und gelebt, über 6 Terabyte Filmmaterial gesammelt hat und mittlerweile auf 6 Personen angewachsen ist. Wie sie es geschafft haben, ohne Privatsphäre aus zu kommen und warum sie jetzt mehr als zuvor von Straßenkünstlern begeistert sind, haben sie mir für tripwolf erzählt.

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Sie stellen Straßenkünstler – wie hier Diego in Edinburgh – in den Mittelpunkt – The Busking Project. Foto: The Busking Project 

“Schuld” an allem ist TBP-Director Nick Broad: Der hatte nämlich bereits in New York den Straßenkünstlern (= englischer Name: Busker) der Stadt eine lokale Website namens Undercover New York gewidmet. Und gerade von seinem Job im öffentlichen Fernsehen entlassen, kam ihm während eines Abendessens im Mai 2010 die Idee: Warum bringen wir Undercover New York nicht auf internationale Ebene?Gesagt, getan: Gemeinsam mit Chris Smith und Belle Crawford wurden via Google, YouTube, Performers.net und anderen einschlägigen Websites nach langen Prozessen schließlich 40 Städte für die 300-Tages-Tour ausgewählt. Ein wichtiges Kriterium dabei war, so viel wie möglich auf dem Landweg und somit so umweltfreundlich wie möglich bereisen zu können. Ein Vorhaben, das “gut begonnen hat, aber jetzt etwas verfällt”, wie Chris zugibt. “Anfangs haben wir die Reise ohne Flüge geplant”, erzählt er, “deshalb war auch Australien nicht auf unserer Liste, das war innerhalb unseres Zeitplans einfach mit dem Boot nicht machbar. Aber mit der Zeit haben wir gemerkt, dass wir so den Erfolg unseres Projekts aufs Spiel setzen. Wir reisen noch immer lieber auf dem Landweg, sofern es sich nicht negativ auf den Dokumentarfilm auswirkt: Dieser steht an erster Stelle.” Endlose Busfahrten und tagelange Schiffreisen standen und stehen noch immer an der Tagesordnung – eine Prüfung für Belle, die leicht reisekrank wird.


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Hier filmt Nick Broad Juan Oli, einen Performer in Havanna, Kuba.. Foto: The Busking Project

Doch das ist nicht die einzige Herausforderung für die US-Amerikanerin und ihre Kollegen: Bei Events, durch Spenden – auch von Straßenkünstlern selbst – und natürlich aus der eigenen Tasche haben Nick, Chris und Belle das Budget für die Expedition aufgebracht – Essen, Visas, Ausrüstung, Impfungen, Website-Kosten inklusive. Nachdem da kein Geld für “große Sprünge” übrig bleibt, wird bei der Unterkunft gespart: “Vielleicht vier Mal haben wir innerhalb der letzten sieben Monate für ein Zimmer bezahlt”, meint Belle. Statt in 4-Sterne-Hotels schläft das Team, das nie länger als sieben Tage in einer Stadt bleibt, nämlich bei Couchsurfern, bei Einheimischen also, die ihr Sofa für Gäste gratis zu Verfügung stellen.

“Couchsurfing war unsere Rettung”, ist Chris von der Gemeinschaft überzeugt, durch die auch immer wieder Kontakte zu Straßenkünstlern geknüpft werden konnten. Doch die Sache hat einen Preis: “Meine wichtigste Frage ist immer: Gibt es hier Wlan? Couchsurfing und Arbeiten, das ist einfach hart. ”Manchmal schläft man bei Collegestudenten, die gern mit dir feiern möchten”, erklärt Belle weiters, “doch du willst nach einem harten Tag, einfach nur ins Bett fallen.” Mit deinen KollegInnen, denn Privatsphäre ist für The Busking Project ein Fremdwort – oder um Belle zu zitieren: ”Allein bist du nur in der Dusche!”

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Dawn Monette aus Vancouver, Kanada, ist nicht nur Jongleurin und Straßenkünstlerin, sondern seit Neuestem auch Teil des Busking Project Teams. Foto: The Busking Project

“Ich wollte schon ein paarmal aufgeben”, gibt Belle zu und erklärt im gleichen Atemzug, “aber ich bin froh, es nicht getan zu haben! Jetzt bin ich Teil einer weltweiten Gemeinschaft und spüre, dass ich Freunde auf der ganzen Welt habe.” Der Grund, trotz der Anstrengung immer weiter zu machen, liegt wohl in den Künstlern selbst: Die Busker-Familie aus San Francisco zum Beispiel, die schon seit Generationen ihre atemberaubende Akrobatik auf der Straße zeigt und sich wie keine Andere dem Lebensstil verschrieben hat. Oder der “Vogelmann”, den das Team bereits aus Youtube-Videos gekannt und schließlich – zufällig – in Rom gefunden hat.  Eine mystische Figur mit Hut, Schnabel, gekraustem weißen Haar und Koboldartiger Stimme. Oder “Great Dave” und seine Frau in Schottland, die wie eine ganz normale Familie leben – aber statt im Büro ihr Geld als Straßenkünstler verdienen. Oder wie eine Künstlerin aus Griechenland, die ihren Brotberuf aufgegeben hat, um mit ihrem Mann, dem Feuerschlucker, in einem Wohnwagen herumzuziehen und sich jetzt finanziell sicherer fühlt als je zuvor; wenn in einer Stadt kein Geld mehr zu verdienen ist, ziehen sie einfach weiter.

“Die unglaubliche Vielfalt der Straßenkünstler hat mich einfach überrascht”, bringt Chris seine Faszination mit Buskern, die das Team durch Mundpropaganda, im Internet oder einfach auf den Straßen der Städte selbst finden, auf den Punkt, “man kann sie einfach nicht in eine Schublade stecken: Vom Bettler mit einem Instrument in der Hand bis zum hochqualifizierten Künstler ist alles zu finden. Ich habe großartige Performer kennen gelernt, die gern auf der Straße sind.”

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In Asien – wie hier in Jaipur – ist es für Straßenkünstler besonders schwierig, wird ihre Kunst doch zumeist als Betteln angesehen.  Foto: The Busking Project 

“Wenn sie wirklich talentiert wären, dann müssten sie nicht auf der Straße spielen”, und doch klebt dieses Stigma laut Chris weiterhin an den Buskers. Dabei machen sich auch in diesem Bereich kulturelle Unterschiede bemerkbar: In Asien werden Straßenkünstler sozial wie finanziell weniger unterstützt, wie zum Beispiel in Europa, wo das Team die professionellsten Künstler auf der Straße angetroffen hat. “Ich war erstaunt, dass man mit Busking so viel Geld machen kann”, fügt Belle hinzu,”ein paar Musiker haben zum Beispiel in Japan auf den Straßen gespielt und konnten sich mit dem Verdienst ein Haus in London kaufen. Man muss nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.” Und auch in den USA lässt es sich angeblich vom Busking gut leben.

Etwas, was Straßenkünstler wohl nur zu gut kennen: Während ihnen in Seoul ein eigener Platz zu Verfügung steht, auf dem sie spielen, aber kein Trinkgeld sammeln dürfen (das übernimmt die Regierung für sie), ist die Kunstform in anderen Ländern wie zum Beispiel Spanien verboten. Diese Unterschiede hat auch The Busking Project zu spüren bekommen: Nicht jeder Busker reagiert positiv auf ihre Frage, ob man ihn/sie filmen dürfe. “Was habe ich davon?”, war die häufige Antwort, so Chris, und “viele Straßenkünstler sind schon so ausgebeutet worden, dass sie jetzt über-vorsichtig sind, wofür ihre Kunst verwendet wird.” An vielen Orten wurde der Crew auch verboten zu filmen, worauf sie einfach die Straße gewechselt haben – so wie es die Straßenkünstler ebenfalls machen. Schief ging dennoch wenig: “Es liegt meist am Glück und daran, wie professionell man aussieht”, meint Chris mit einem Augenzwinkern, “und glücklicherweise wirken wir nicht sehr professionell.” Eine bewusste Strategie, schließlich wurde extra unauffälliges Equipment gekauft.

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Straßenkünstler sind so vielfältig wie die Kunst, die sie ausüben. Foto: The Busking Project 

Im Januar 2012 wird in Rio de Janeiro für The Busking Project, alias Belle, Nick, Chris und die drei weiteren Teammitglieder Mardy, Dawn sowie Giles, die letzte Klappe fallen. Danach geht es in die Post-Production, um aus den – jetzt schon – über 6 Terabyte umfangreichen Material einen Dokumentarfilm zum Thema zu machen. “Es wird ein Albtraum”, ist sich Chris bewusst, dass danach die wahre Arbeit erst beginnt, “Nick ist optimistisch und naiv und schätzt, wir brauchen fünf Monate. Belle und ich denken, es wird drei Jahre dauern.” Und es gibt genug zusätzliches Material für einen Film, TV-Serien und natürlich die Website, die vor allem Informationsplattform für Busker weltweit sein soll.

“In Wahrheit war es unmöglich, das Ganze mit nur 3 Personen zu versuchen”, zieht Chris nach 7,5 Monaten eine Zwischenbilanz, “wir hätten von Anfang an mindestens ein Team von 5 – 6 Leuten gebraucht, aber dafür hatten wir kein Budget. Wir machen zum ersten Mal einen Film – wir müssen uns beweisen.  Also sind wir einfach ins kalte Wasser gesprungen und geschwommen. Und ja, vielleicht hätten wir vorher einen Dokumentarfilm über Kühe und Schafe machen sollen… . ” Ob das genauso viel Spaß gebracht hätte, das lässt sich jetzt einmal bezweifeln, aber wer weiß, vielleicht beim nächsten Mal?!

“Beim nächsten Mal reisen wir für drei Jahre und legen Pausen ein”, meint Belle zum Abschluss, “aber jetzt freuen wir uns erstmal auf die kleinen Dinge des Alltags wie eine eigene Küche und darauf, wieder selbst bestimmen zu können, was wir essen und darauf, wieder eine tägliche Routine zu haben.”

Mehr zum Projekt findet Ihr unter http://thebuskingproject.com/, auf Facebook oder via Twitter

Außerdem kann man The Busking Project jederzeit mit Spenden unterstützen.

 

 

 

 

 

 

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