Kategorie: Tipps
pix Jakobsweg: Von einer, die auszog, das Pilgern zu lernen

Ein spanischer Sommer. Wühlen wir in der Klischeekiste und kramen heraus: Tango, Sonne, Strände, die Sagrada Família in Barcelona, laute Feste in lauen Nächten, weingeschwängert. Mein spanischer Sommer. Lasst mich nachdenken: Kernseife, verheißungsvolle Weiten, Sonne – ja, Schweiß, Verzweiflung und glühende Sohlen auf endlosen Wegen. Lässt einen die Reise nach Santiago de Compostela emotional und nachdenklich zurück, geht es eigentlich doch auch –zumindest zu Beginn und zumindest gefühlt – ums nackte Überleben. Vor allem für Pilger wie mich, die zwar mit Mut und Abenteuerlust, aber leider ohne die leiseste Ahnung, was sie erwartet,  in Spanien landen. Wie man am Ende bei sich selbst ankommt, könnt ihr hier lesen. Wie man am Ende unbeschadet im Pilgerbüro ankommt – das möchte ich heute mit euch teilen. Praktische Tipps von einer, die auszog, das Pilgern zu lernen.

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Foto: William McRoberts

Vorbereitung zu Hause

Gut, da steht man nun, der Plan ist geschmiedet.  Jeder im Freundeskreis scheint plötzlich zum Outdoorprofi zu mutieren. Ein Netz aus Informationen spannt sich auf und man glaubt zwischenzeitlich, ohne eine Hightech-Stirnlampe nicht überleben zu können. Von der Illusion gesunder, blasenfreier Füße nimmt man sofort Abschied, wenn man mit „Jakobswegveteranen“ spricht. Aber eigentlich ist es nicht so schwer. Wenn die Basics stimmen, kann einem nicht viel passieren. Man fährt ja nicht in unbewohnten Regenwald, auch wenn es sich vorher einige Male so anfühlt.

Drei Dinge müssen stimmen:

1. Rucksack – nicht zu groß, nicht zu klein. Nicht schwerer als 10kg. Ehrlich, ich habe so viele Dinge weg geschmissen, man spürt jedes Gramm. Wiegt ihn vorm Flug. Ist er schwerer, trennt ihr euch sowieso von Dingen. Ich habe gelacht über die vielbeschworene 10kg-Grenze. Und bin am Ende genau dort gelandet. Wichtig ist außerdem: Er muss extrem gut passen, lasst euch beraten. Und auch zeigen, wie man ihn richtig aufsetzt.

2. Schuhe – sie müssen bequem sein und Halt bieten. Ich, die Frau, die es sogar schafft, in Flip Flops und Chucks Blasen zu bekommen, bin tatsächlich blasenfrei geblieben. Ich habe es als Wunder bezeichnet. Und Meindlschuhe gepriesen. Natürlich kommt es auf den Fuß an, welcher Schuh für euch der beste ist. Manche Pilger sind in Trekkingsandalen gelaufen. Ich habe mich selbst in der größten Hitze in meinen Wanderschuhen am wohlsten gefühlt.

3. Socken – ja, Socken sind unglaublich wichtig. Ich wurde zum Sockenfreak und habe am Ende jeden Tag das gleiche Paar gewaschen und getragen. Unglaublich dankbar war ich für den besten Anti-Blasen-Tipp aller Zeiten: Eincremen mit Hirschtalg. Feinstümpfe (am besten ohne Naht) unter die Wandersocken. Keine Reibung, keine Blasen. Großartig. Ich habe vor Ort sogar Feinsöckchen an blasengeplagte Mitstreiter verschenkt. Und ganz ehrlich: Man schwitzt mit und ohne.

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Foto: William McRoberts

Davon abgesehen solltet ihr einpacken: Reisehandtuch, Trinkflasche, Besteck, Flip Flops, 2x Wanderkleidung, 1x Freizeitkleidung (ja, das reicht!), Kernseife zum Wäsche waschen, Sonnenschutz (!), ein Taschenmesser, eine Taschenlampe, einen Reiseführer  bzw. eine Karte, Wäscheklammern, ein Tagebuch, wer mag Wanderstöcke, ein kleines spanisches Wörterbuch, Kamera, Regencape

Das könnt ihr getrost zu Hause lassen: Isomatte (ich habe meine heißgeliebte, aufblasbare Isomatte vor einem Berg an ein Stoppschild gehängt. 812 Gramm waren 812 Gramm zu viel.), Handy und MP3-Player (es geht ja darum, sich frei zu machen), die Hausapotheke (es gibt in jedem kleinen Ort sehr gut ausgestattete Apotheken)

Den Pilgerpass bekommt man ohne Probleme kostenlos vor Ort.

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Foto: flickr - frescotours

Spanien

Das Wichtigste gleich zu Beginn: Nein, der Jakobsweg ist nicht so touristisch wie man glaubt. Selbst im Sommer bleibt man oft kilometerweise allein und kann –wenn man nicht mit den schmerzenden Gliedern beschäftigt ist- seinen Gedanken nachhängen. Man durchquert winzige Dörfchen, läuft inmitten von Kuhherden, frühstückt auf einem Berg und beobachtet den Sonnenaufgang. Dabei sind abgelegene Orte mit selbstgemachten Sandwiches, Obst und Schokolade – der Schokoheißhunger war ständiger, unverstandener, aber trickresistenter Begleiter – aus dem Rucksack viel schöner als überfüllte Cafés an lauten Straßen. Kulinarisch ist die Reise sowieso alles andere als ein Highlight. Ich fand es schön, an heißen Tagen sehr früh zu starten und den „freien“ Nachmittag angekommen, noch gedankenverloren in der Sonne zu verbringen. Außerdem gibt es kaum Schöneres als morgens im Halbdunkel allein in riesigen Kirchen zu sitzen und die architektonische Gewalt auf sich wirken zu lassen.

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Kloster Santa Maria la Real in Najera Foto: flickr - jule_berlin

 

Menschen verändern sich wie die Landschaft, die gemächlich vorbei zieht. Deine Gruppe wird deine Familie. Einige sind allein unterwegs. Doch wenn man nicht möchte, ist man nie so richtig allein. In den Herbergen tauscht man sich aus, man trifft immer wieder auf die gleichen Gesichter und wenn man jemanden verliert, ertappt man sich oft bei dem Gedanken „Was wohl aus … wurde?“.  Die Reise ist definitiv eine Herausforderung für jede Gemeinschaft. Man erlebt sich intensiv. Der Weg schweißt zusammen, der Weg macht überdrüssig. Man kennt sich in jedem Fall danach sehr gut. Wir haben überlegt, dass dieser Trip Voraussetzung für jede Eheschließung sein sollte.

Nach ein paar Tagen haben wir auch gelernt, dass es besser ist, die großen Städte zu meiden. Die Albergues in kleinen Örtchen sind oft moderner, gemütlicher und in jeden Fall origineller. Einmal im Obergeschoss der Dorfkirche, dann wieder supermodern mit 2-Bett-Zimmern und Fußpool, neben der örtlichen Stierkampfarena oder inmitten eines Mittelalterstädtchens. Überraschungen und das Gefühl, das „wahre“ Spanien zu sehen. Eine Metropole sollte dennoch nicht ausgelassen werden: Das wundervolle Burgos als Herberge für mehr als eine Nacht. Gedanken sammeln, Kräfte tanken, das unsagbar gute Lamm und Steak probieren.

Bedacht werden sollte auch die Veränderungen im Klima. Ist es anfangs unsagbar heiß, wird das Klima in Richtung Atlantikküste feuchter und deutlich kühler. Ein guter Trick ist es, sich warme Kleidung postlagernd gen Westen zu schicken.

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Foto: William McRoberts

Noch ein Tipp zum Schluss: Verlasst euch nicht auf Kilometerangaben. Alle sagen etwas anderes. Alle lügen. Selbst die Steine, die 100km vor Santiago de Compostella den Mut aufrechterhalten sollen und alle 500m die Entfernung vom Ziel anzeigen, lügen am Ende. Wir sind nicht den gesamten Camino de Frances gelaufen. Und haben beschlossen, es waren 352km. So richtig weiß das niemand. Aber es hört sich gut an. Und das ist genau das, was man lernt: genießen. Man kommt an. Egal wie viele Kilometer. Und egal wie.

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Foto: William McRoberts

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