Kategorie: Tipps
pix Moral, was ist das? Oder: Wie reist man richtig?

Gebe ich den indigenen Bettlern in Otovalo,Ecuador, die klein und runzlig zu mir kommen, ein paar Münzen? Probiere ich bei meiner Gastfamilie in Malta jedes Gericht, das sie mir auftischen? Ist es ein Eingriff in die Privatsphäre, wenn ich Menschen auf den Straßen in San Cristobál ohne deren Wissen fotografiere?

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Ein Foto mit dem Jungen und seinem Stachelschwein – das kostet in Sri Lanka. Soll ich oder nicht? Foto: Doris Neubauer

Ich gehöre zu den Reisenden – die, noch so erfahren – immer wieder von Zweifel und Gewissensbissen geplagt werden bei der Frage: Was tun?! Wie benimmt man/ frau sich im Urlaub moralisch korrekt? Wie verhalte ich mich den Einheimischen in meinem Reiseziel gegenüber? Und gibt es “richtiges Reisen” überhaupt? Mit meinen Zweifeln bin ich nicht allein, wie eine kürzliche Diskussion im deutschen GEO SAISON beweist. Wie geht Ihr damit um, und helfen Euch Richtlinien wie zum Beispiel unser tripwolf-Manifest? Achja, wer in diesem Blog Antworten erwartet, den muss ich leider enttäuschen…

1. Wir sind keine Touristen, wir sind Reisende! 

6. Reisen ist für uns eine Lebenseinstellung

7. Wir lassen uns auf ein Reiseziel in all seinen Facetten ein

Diese drei Punkte aus dem tripwolf Manifest beschreiben für mich alles, was Reisen aus meiner Sicht bedeutet: Aber genau das Einlassen auf andere Kulturen, das Eintauchen in das Leben vor Ort, das in-Kontakt-Kommen mit den Menschen – all das verursacht auch Probleme. Statt abgekapselt aus seinem All-Inclusive-Ressort auf das Treiben zu schauen, ist man mittendrin im Dorf, auf der Straße, mit den Einheimischen. Das Treffen auf das Gegenüber vor Ort ist auch das, was die gröbsten moralischen Fragen aufwirft: 

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Nicht für jedermann/jedefrau: Suppe und Fleisch zum Frühstück! Ablehnen oder zugreifen? Foto: Doris Neubauer

Bettelnde Kinder 

GEO SPECIAL, Novemberausgabe 2011: ”Bei einer Rajasthan-Rundreise erlebte der Reiseleiter Christian Krug entsetzt, wie ein Gast plötzlich Geld in die Menge wartender indischer Kinder warf, „als wäre er Bonbonverteiler beim Mainzer Faschingsumzug“.  Aber was gibt man bettelnden Kindern – und wie?

Unterstütze ich bettelnde Kinder oder nicht? Und wenn ich ihnen Geld gebe, wo landet das dann? Werden sie dann als “Geldverdiener” für die Familie hergenommen und sind eher auf der Straße als in der Schule zu finden? Will ich mit dieser Spende nicht eher mein Gewissen beruhigen? Und ist es vielleicht besser, statt Geld materielle Dinge wie Kugelschreiber oder ähnliches herzugeben? Oder doch nicht eher ein Lachen?

Manche raten auch, die Kinder um eine Gegenleistung – zum Beispiel ein Liedsingen oder ähnliches – zu bitten, damit sie sich das Geld auch verdienen. Ich muss gestehen, dass ich da skeptisch bin, ob das eine bessere Lösung ist. Aber einfach vorbeigehen, kann man das denn?

Fotografieren, wen ich will?

In manchen – vor allem asiatischen – Ländern wird man sofort um Geld gebeten, wenn man ein Foto möchte. In Papua Neuguinea sind die Menschen beleidigt, wenn man mit einem Fotoapparat an ihnen vorbeigeht, ohne eben diesen zu zücken. Und in Süd- und Lateinamerika schauen die Menschen einfach zu Boden oder drehen sich um, sobald eine Kamera auf sie gerichtet ist.

Fremde Länder, fremde Sitten also. Was tun in diesem Fall? Wohl am besten fragen, ob ein Foto in Ordnung ist. Und dann überlegen, ob man zahlen möchte, wenn diese Frage auftaucht.

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Ein Besuch in einem indigenen Dorf: Das “Kennenlernen” besteht aber aus einer Verkaufsshow des handgemachten Schmucks. Foto: Doris Neubauer

Einheimische Küche

GEO SPECIAL, Novemberausgabe 2011: “Der Tourismusforscher Torsten Kirstges wurde beim Urlaub in Marokko von einem Einheimischen nach Hause eingeladen. Es gab Couscous mit Hammelfleisch, das Mahl stank entsetzlich. Der Wilhelmshavener Professor überwand sich und as mit. Hätte er ablehnen dürfen?”

Wird man zu einem einheimischen Essen eingeladen, dann isst man das auch – sonst ist das unhöflich. Ja, aber übergeht man dann auch seine eigenen Prinzipien: Zum Beispiel isst man als Vegetarierin doch das Fleisch, weil das Teil der Kultur ist? Überwindet man sich und stopft den Wurm in sich hinein, weil man nicht weiß, wie man ablehnen soll? Ich stehe – gerade als Vegetarierin – oft vor dieser Frage und bin mittlerweile auf dem Standpunkt: Wenn ich kein Meerschweinchen essen möchte, dann mache ich das auch nicht. Oft einfacher gesagt als getan…, vor allem, wenn man den Gastgeber nicht verletzen möchte.

Schnäppchenjagd

GEO SPECIAL, Novemberausgabe 2011: “Auf einem Wochenmarkt in Nicaragua feilschte die Frankfurter Hausfrau Claudia Weber so lange, bis sie die Hängematte für ein Sechstel des ursprünglichen Preises erstanden hatte. Völlig daneben?”

Diese Frage ist für mich nicht nur auf Reisen, aber da eben besonders wichtig: In vielen Ländern ist das Feilschen Teil der Kultur. Aber ist es moralisch in Ordnung, für etwas einen niedrig(er)en Preis herauszuhandeln, obwohl man den Erstgenannten durchaus in Ordnung, nein, sogar spottbillig findet? Vor allem, wenn man die Situation des Verkäufers betrachtet, der mit seinen Einnahmen eventuell den Haushalt mit 6 Kindern finanziert. Und doch kann man auch auf dem Standpunkt sein, dass keiner etwas unter Wert verkauft und andere vielleicht ja dann mehr bezahlen.

trans Moral, was ist das? Oder: Wie reist man richtig?Wie man mit gewissen Situationen umgeht, das verrät – manchmal – der viel zitierte Hausverstand. Doch manchmal ist der eben auch überfordert, da sind für mich solche moralischen Richtlinien durchaus eine Unterstützung. Wer auf der nächsten Reise jedoch wieder nur Stirnrunzelnd vor der Frage steht: Was tu ich jetzt?, dem sei zum Trost gesagt: Auch die zahlreichen Wissenschaftler, Reisebranchenprofis, Tourismuskritiker und erfahrenen Journalisten, die im GEO SAISON (Novemberausgabe 2011) um Tipps gebeten wurden, sind sich in den meisten Fragen nicht immer einig…

Dasselbe Thema haben übrigens auch Nomad Earth mit Harald Friedl, dem Autor von “Respektvoll Reisen” vor kurzem besprochen. Hier sind seine Antworten.

pixel Moral, was ist das? Oder: Wie reist man richtig?

One Comment

  1. lea
    Posted 15. März 2012 at 12:01 | Permalink

    Ich bin mal mit einem Mädchen aus Deutschland durch Kambodscha gereist, die anstatt den Kindern Geld zu geben mit ihnen gespielt hat. Da ich nicht so der Kinder-Fan bin, hats ne Weile gedauert bis auch auch drauf eingestiegen bin, finde aber immer noch, dass das eine der besten Sachen ist, die man in so einer Situation machen kann.

    Die Kids haben dort großteils Bücher in großen Körben getragen und versucht diese an Touristen zu verkaufen. Also haben wir ihnen die (super-)schwere Last abgenommen und haben sie an gemeinsam mit ihnen (und zu ihrer Belustigung) an Touristen verkauft. Das hat viele lachende Gesichter gebracht und war für die Kids sicher eine nette Abwechslung.

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