Kategorie: Interkulturelles, Tipps
pix Australien – Ein kleiner Kulturschock am anderen Ende der Welt

Blond, naiv und voller Vorfreude. So könnte man mich beschreiben. Als ich in das Flugzeug nach Brisbane stieg, um mir endlich das andere Ende der Welt anzusehen. Mein Mitbewohner ist Australier. Meine beste Freundin ist Australierin. Im letzten Jahr habe ich mehr Unterhaltungen über das Land der Kängurus und Koalas geführt als über jeden anderen Ort, an dem ich noch nie zuvor war. Ich habe gestreetviewed, Bücher gelesen, Fotos gesehen, Fernsehserien geschaut und immer wieder Geschichten gehört. Über Menschen, über Orte. Was sollte mir passieren? Kulturschock? Ach nicht doch. Niemals. Und dann kam er. Wie ein scheinbar so vertrautes Land so anders sein kann. Ein kleiner  Survival-Guide von einer, die dachte, sie weiß, worauf sie sich einlässt. Subjektivität groß geschrieben. Denn manchmal scheinen die kleinsten Unterschiede so viel stärker, wenn man sich ihnen so nahe fühlt.

mann angel Australien – Ein kleiner Kulturschock am anderen Ende der Welt

Byron Bay Foto: Anne

Size DOES matter – Groß. Groß. Groß. Alles ist groß. Damit meine ich nicht nur die Kilometerangaben auf Verkehrsschildern. Es gibt Friedhöfe, über die man mit dem Auto fahren muss, riesige Wolkenkratzer, die größten Shampooflaschen, die ich je gesehen habe. Eine Galerie, von der ich dachte, ich bräuchte Tage, sie zu durchwandern, hat mir gezeigt, wie wenige Kunstwerke auf großem Raum wirken. Kein Platz für Enge. Zuviel Platz für Enge.  Doch halt. Einige Dinge sind auch kleiner. Bier zum Beispiel. Verwirrend, sag ich doch.

Extreme – Supermoderne Städte.  Wolkenkratzer, verspiegelten Glasfassaden, Verkehrslärm. Laute Menschen, langsame Züge. Zwei Stunden im Auto und mich schauen Grasfrösche aus der Toilette an. Und wenn nachts der Dieselgenerator ausgestellt wird, das schwärzeste Schwarz. Und eine Schlange im Schuppen. Noch vor dem Frühstück. Atemberaubende Natur, Hippiestädte, endlose Strände. Und Regenwald. Und Wüste. Orte, an denen es niemals kühl wird. Und Schnee im Winter. Australien ist das Land der Extreme. Sich in ihnen zu verlieren, das Schönste.

kilometer Australien – Ein kleiner Kulturschock am anderen Ende der Welt

Ja, das sind Kilometerangaben. Foto: Anne

„Do you speak English?“ – Ich habe Anglistik studiert. In London gelebt. Englisch? Kein Problem. Eigentlich. Doch australisches Englisch ist noch einmal eine andere Geschichte. Die Sprache lebt von Abkürzungen. So wirbt McDonald’s mit „Brekkie for a Buck“ (Frühstück für einen Dollar), eine Tankstelle wird zur „servo“, der Nachmittag zum „arvo“. Und wenn jemand deine „thongs“ kommentiert, kann man ziemlich sicher sein, dass es sich nicht um anzügliche Kommentare über Unterwäsche, sondern lediglich um Flip Flops handelt. Die ja sowieso Grundausstattung sind. Missverständnisse vorprogrammiert. Unterhaltungswert auch.

„Warum sind die alle so nett?“ – Die meisten Menschen in Australien waren so unglaublich freundlich, dass es bei mir erst einmal Skepsis hervor rief. So gar nicht „hart-aber-herzlich-Berlinesque“ plauderten Verkäufer, Kellner und auch Fremde in der Bahn munter drauf los. Wer mit fragendem Blick vor einem Stadtplan steht, wird dies nicht lange allein tun. Das kann wundervoll, aber auch anstrengend sein. Doch ich habe mich sofort willkommen gefühlt.

wolkenkratzer Australien – Ein kleiner Kulturschock am anderen Ende der Welt

Sydney – Foto: Anne

Die Nation der Hopper –In Australien ist man immer auf dem Sprung. Neige ich dazu, an Orten, die ich mag, zu verweilen, wird hier die Zeit genutzt. Und weiter gereist. Ein Tag am Strand? Wohl eher: Ein Tag an 3 Stränden. Die gemütliche Bar an der Ecke? Ja, aber wir sollten danach noch woanders hingehen. Wurde ich nervös, wenn meine Freunde nach dem Essen sofort in Aufbruchstimmung verfielen, wurden sie hibbelig, wenn mit dem letzten abgeräumten Teller nicht auch die Rechnung kam. Legt sich die Verwunderung über dieses Nomadentum, lernt man schnell die Vorzüge kennen: Um so viele Orte zu sehen, hätte ich in Eigenregie wahrscheinlich sechs Monate und nicht vier Wochen dort verbringen müssen.

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Foto: Anne

Lokalpatriotismus – Ich glaube, jedes Produkt, das ich kaufte, aß und natürlich liebte, war „proudly Australian“. Zumindest gefühlt. Nur die Austern müssen aus Tasmanien sein, versicherte man mir. Und noch während ich dachte: „Moment, ist das nicht auch Australien?“ wurf meine Freundin Smith’s Chips, Tim Tams und natürlich Vegemite in den Einkaufswagen. Klischees ja. Wenn Klischees jedoch so schmecken – gern.

Und was bringe ich als Souvenir zurück? Außer einem Koffer voller Essen, natürlich. Ein Bild der jungen Queen aus einem  Trödelladen. Wo sich gefragt wurde, was ich denn damit wolle. Ob mir nur der Rahmen gefiele. Nun, ich bin eben doch Europäerin. Aber eine, die all die kleinen australischen Eigenarten liebt. Und ihre eigenen ebenso. Und sich derer selten so bewusst war.

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The Queen and I – Foto: Anne

pixel Australien – Ein kleiner Kulturschock am anderen Ende der Welt

One Comment

  1. Posted 23. April 2012 at 14:44 | Permalink

    Danke für diesen wirklich toll geschriebenen Bericht. Hört sich nach einer einmaligen Erfahrung an – und das Bild hätt ich auch sofort gekauft ;).

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