Dass Trübsal blasen eher kein Wesenszug der Posener ist, wird mir schon vor Anbruch des Abends klar. Wie sonst könnten zwei verhaltensauffällige Ziegenböcke zu abgefeierten Stadtmaskottchen avancieren? Auch dass mit Lech eine der größten Brauereien des Landes für nie versiegenden Nachschub an kühlen Gerstensaft sorgt, hätte mir zu denken geben müssen: an Posens Image ist etwas faul. Wer immer nur von einer Messe- und Handelsstadt spricht, ist wohl eine Kleinigkeit entgangen: hier leben 60.000 Studenten, und die haben Lust zu feiern. Für Posens Youngsters sind die malerischen Pflastergassen des Zentrums in erster Linie Verbindungswege zwischen Kneipen, Bars und Clubs.
Ich begebe mich also aufs Pflaster um die Stadt mit dem romantischsten Marktplatz Polens auf ihre Party-Tauglichkeit zu testen. Für eine ausgiebige Kneipentour muss der innerste Stadtkern gar nicht verlassen werden. Posens historisches Zentrum, darüber lassen die vielen Biergärten schon tagsüber keinen Zweifel, ist auch der Mittelpunkt des Nachtlebens. Den alten Marktplatz zingeln zahlreiche Lokale ein – hinter den altbackenen Giebelfassaden verbergen sich stylische Brauhäuser wie das Brovaria, vor bunten Kunststoffrequisiten strotzende Tex-Mex-Restaurants (Sioux Classic, Fenix), die Rock-Kneipe Lizard King (mit Jim Morrisons Spitznamen geadelt) und schicke Afterwork-Clubs wie Fever und Room 55. Mit dem Van Diesel schmettert sogar eine waschechte Mainstream-Disko ihren House-igen Balz-Sound auf das altehrwürdige Kopfsteinpflaster hinaus, als gäbe es kein Morgen. Vor dem Eingang steht eine passende Klientel Schlange. Hin und wieder, so hört man, mischen sich hier auch Sternchen aus der polnischen Film- und Fernsehwelt unters Partyvolk. Zumindest die bulligen Türsteher sehen dem glatzköpfigen Schauspielstar Vin Diesel (ob er wohl beim Club-Namen Pate stand?) zum Verwechseln ähnlich.
Posens Zentrum – Kneipentour über Kopfsteinpflaster
Ich ziehe es vor, mich in den umliegenden Gassen umzusehen. Auch rund um den Marktplatz trifft man an allen Ecken und Enden auf Clubs und Pubs. Wie so oft in Polen sind viele von ihnen „Dive Bars“ – bunkerartige Kellerclubs, in die halsbrecherisch steile Treppen hinab führen (PRL, Deep). Dem auskunftsfreudigen Barmann der Studentenkneipe Déja Vu, in die es mich schon am letzten Abend verschlagen hat, verdanke ich eine fachkundige Auflistung der besten Ausgeh-Adressen. „Kultowa“ steht, mit dickem Rufzeichen garniert, in eine Ecke meines Posen-Faltplans gekritzelt. Der Club befindet sich in guter Gesellschaft, sammeln sich doch am unteren Ende der Wrocławska-Straße gleich mehrere Party-Hotspots wie das trendige Czekolada und das Cuba Libre an. Im Vergleich zum Kultowa wirken die aber wie Kinderkram. Der Posener Ausgeh-Oldie verschreibt sich hingebungsvoll der eher nicht so coolen polnischen 80er Jahre-Rockband „Kult“ und schärt sich einen Deut um Modisches. Ich staune nicht schlecht: sämtliche Wände und Winkel ziert Band-Merchandise aus allen Schaffensperioden, hinter der knackevollen Eingangsbar liegt der Zugang zu einem schier endlos verwinkelten Labyrinth aus Ziegelschächten, Wendeltreppen und vor allem reichlich Bier-Schenken.
Szenenwechsel: auf der anderen Seite des Rynek liegt ein weiterer Insider-Tipp. Beim Eintreten ins Dragon überkommt mich sofort das Gefühl, am rechten Ort zu sein: laut, düster, punkig – aus einem Betonpfeiler neben der gut sortierten Bar schießt ein schwarzer Kunststoff-Alien und faucht über den Köpfen einer bestens gelaunten Crowd. Hier scheint sich alles zu treffen, was gerne quatscht und dem Alkohol nicht abgeneigt ist: Hipster, Studenten, Rastas und Normalos. Zum Rauchen begibt man sich in einen pfeilförmigen Hinterhof, zwischen dessen verwitterte Ziegelwände höchstens fünf Bierkisten passen – ein paar Holzscheite zum Sitzen geben der Szenerie ihren letzten Schliff.
Ich geistere durch Posens Pflastergassen weiter zum Johnny Rocker – was sich anhört wie eine Bekleidungsmarke für 8-14jährige ist ein Rock-Kellerclub wie aus dem Bilderbuch. Eigentlich steige ich hier nur hinab um dem mittlerweile vehement nach draußen drängenden Bier eine angemessene Porzellan-Behausung zu verschaffen. Dass mir dabei vier heitere Damen auf die – ähm – Finger schauen, damit hätte ich nicht gerechnet. Das Pissoir des Johnny Rocker verdient eindeutig das Prädikat „abgefahren“!
Ein paar Schritte weiter die Klasztorna-Straße entlang, liegt das Déja Vu Café. Ich zögere nicht lange hineinzugehen, schließlich möchte ich dem Barmann und seiner reizenden Gehilfin von meiner Nightlife-Recherche berichten. Die Kneipe tut es mir genauso an wie schon beim ersten Besuch. Die Einrichtung ist so „basic“ wie eine Einrichtung nur sein kann: Holzbar, Holzstühle, braune Wände. Links vom Eingang geht es in einen verqualmten Raucherbereich, rechts davon ist die Sicht besser und die Bar stets in Griffweite. Genau in der Mitte, an der Wand des Eingangsflurs, befindet sich eine selbst-bestückte CD-Jukebox. Wer auf dem Weg zur Toilette noch auf zwei Beinen stehen kann und eine Zloty-Münze in den Schlitz trifft, darf sich aus hundert Compilations ein Ständchen wählen, von den Chili Peppers bis zum polnischen Punk.
Die Bar ist das Reich von Szymon – ein junger Literaturstudent, der sich nebenbei als Leadsänger einer lokalen Post-Rockband versucht. Na, wie war die Tour? ruft er über die Theke. Noch bevor ich zwei Sätze fertigsprechen kann, steht ein frisch gezapftes großes Blondes vor mir. Am vorigen Abend war es nicht schwer, mit Szymon ins Gespräch zu kommen. Ich hatte ihm die Cafe Déja Vu-Bewertung aus einem englischsprachigen Posen-Cityguide vorgelesen. Von anarchischen Nächten war dort die Rede, von Biervorräten in Wikinger-Ausmaßen und von Studenten, die sie verschlängen wie halbverdurstete Enten. Szymon war angetan und sichtlich amüsiert von dem, was über seine Kult-Kneipe geschrieben stand – ob es auch wirklich zutraf, darüber gab sein verschmitztes Grinsen keine eindeutige Auskunft.
Cafe Déja Vu – Wodka, Bier und Philosophie
Ich stelle fest, dass heute auch einige Band-Kumpels aus Szymons Rock-Combo am Tresen sitzen. Szymon stellt mich feierlich als „Halb-Polen“ aus Österreich und Reiseführer-Journalisten vor. Sie sind angetan von meinen Bemühungen, Polnisch zu sprechen, was sofort eine Runde Bier zur Folge hat. Auch scheint es hoch angesehen, dass ich das Land meiner Ahnen bereise. Tatsächlich verschlug es mich mit Posen in gewisser Weise zurück an die Wurzeln. Bekanntlich hatte König Mieszko I hier vor tausend Jahren die polnische Nation begründet. Deren jüngste Abkömmlinge hauen gehörig auf die Pauke!
Szymon ist guter Laune und beginnt mit Shots-Mixturen zu experimentieren. Ich stelle erschrocken fest, dass ich zu den Probanden gehöre. Dabei bin ich mindestens schon genauso gut im Öl wie der Rest der Meute. Dass ich in circa drei Stunden in meinem Nachtbus Richtung Berlin sitzen soll, führt lediglich zu Heiterkeit. Walnuss-Wodka! sagt Szymon, und schüttelt seinen Barmixer – seit kurzem der letzte Schrei bei uns. Ich schütte runter, was mir vorgesetzt wird. Schmeckt wie geschmolzenes Toffifee mit 45% Alkohol. Nachgespült wird mit Bier. Ich setze alle meine Hoffnungen auf ein Schälchen Nic Nacs – die einzige nicht-flüssige Speise im Déja Vu.
Der Abend gewinnt zunehmend an geistiger Tiefe. Einer von Szymons Kumpeln setzt mir trotz widerspenstiger Zunge die sprachwissenschaftliche Genese des Begriffs „Kurwa“ auseinander. Im Grunde eine recht derbe Umschreibung einer Sexarbeiterin, aber im polnischen Sprachgebrauch wunderbar universell einsetzbar. Der ebenfalls sehr beliebte Zusatz „mac“ (Mutter) stamme ohne Zweifel vom altpolnischen „matroszka“, lerne ich. Szymon sitzt längst mit uns auf der Gäste-Seite der Bar. Aneta, die Barfrau, hat hinterm Tresen das Ruder übernommen. Vor uns steht im nu eine cremige Reihe eben erst erfundener Piña Colada-Shots – Weltpremiere.
Es ist spät, als ich auf den Gehsteig vorm Déja Vu stolpere. Auf ein Widersehen mit Szymon und Konsorten wurde noch eine letzte Runde getrunken. Nach notdürftiger Berechnung habe ich noch eine knappe Stunde um mein Hotel zu finden, mein Zeug zu packen und mit einem Nachttaxi zum Busbahnhof zu gelangen. Zum verwechseln ähnlich und seltsam holprig sind Posens Pflastergassen nach flüssigen Nächten. Ich werde sie vermissen.
tripwolf EM-Quali – das letzte Ergebnis aus Posen
Score: tripwolf-Gesandter vs. Posens Bier- und Wodka-geeichte Studenten-Guerilla. Das klingt nicht nur nach einer harten Partie, sie war es auch. Untern Tisch getrunken wurde das Leichtgewicht aus Österreich aber keineswegs – alle waren gleich wasted! Irgendwie fand ich sogar noch das Hotel und saß plangemäß im Bus (die Freude über den ersten Tankstellen-Halt war allerdings groß). Endstand aus der Studentenkneipe: Unentschieden.
Zwischenstand: tripwolf: 6 / Polen: 8
Das tripwolf Download-Paket zum Mitnehmen:
Die EURO 2012 rückt mit großen Schritten näher, nächstes Mal bereise ich bereits die letzte Station der tripwolf EM-Quali: die wunderschöne Stadt Breslau. So manches an ihr mutet aber recht seltsam an. Von bizarren Bauten und anarchischen Zwergen – Anfang Mai auf tripwolf.com.













3 Comments
Super Beitrag, gerade wo jetzt mehr und mehr Polen im Focus steht. Dein Bericht macht echt Lust Polen auch vor/ nach der Fussball-EM zu besuchen. Es ist wirklich toll, wie sich das Land entwickelt.
Die Fotos machen echt Lust darauf, mal durch Posens Nachtleben zu tingeln. Walnusswodka – Sachen gibt’s!
Das sieht wirklich alles sehr einladend und gemütlich aus. Schön, dass sich Polen so geöffnet hat und sich so modern gibt.