Das passt nur allzu gut zu einer Stadt, die gerne aus dem Rahmen fällt: Die großen Stars von Breslau (poln.: Wrocław) ist eine Meute frecher Bronzezwerge (Krasnale), die alleine oder in Grüppchen an allen möglichen Ecken und Enden des Zentrums ihr Unwesen treiben. Sie lümmeln am Gehsteigrand, klettern Laternenmasten hoch oder schieben – wozu auch immer – Marmorkugeln vor sich her. Hält man bei einem Stadtrundgang bewusst Ausschau nach den kleinen Bengeln, scheinen sie wie vom Erdboden verschluckt. Lässt man sich hingegen frei von Zwergengedanken durch die Stadt treiben, stolpert man garantiert bald über eine Zipfelmütze aus Gusseisen. Mitunter an den ungewöhnlichsten Plätzen.
Wie viele Krasnale insgesamt die Straßen Breslaus unsicher machen ist schwer zu sagen (und Gegenstand heftiger Debatten auf diversen Internetforen). Die Zahl variiert, Zwergensegen und gelegentlicher Zwergenschwund durch Diebstahl wechseln sich ab. An die hundert Figuren listet Wikipedia auf, rund 30 Standorte sind in einer online erhältlichen Zwergen-Standortkarte eingezeichnet. Ein empfehlenswertes Hilfsmittel für alle, die auf ihrem Breslau-Besuch gezielt auf Zwergenjagd gehen wollen.
Gesichert hingegen ist, wann und wo der erste Bronzezwerg aufgestellt wurde. Seit 2001 grinst Papa Krasnal in der Ulica Świdnicka mit im Rücken verschränkten Händen von seinem Eigenheim-Stein auf Passanten herab. Er steht nicht zufällig dort. Der Standort galt als beliebter Happening-Platz der sogenannten Orangen Alternative, – ihr sollte mit dem Zwerg auch ein Denkmal gesetzt werden. In den achtziger Jahren pinselten die Mitglieder dieser aktionistischen Gruppierung zum Ärger der Miliz Zwerge an nachlässig bewachte Hauswände. Es war ein „Ihr-könnt-uns-mal!“-Statement, gerichtet an die Verantwortlichen der kommunistischen Repression in Polen. Dutzende Städte folgten dem Beispiel der Breslauer Bewegung, bald zierten tausende Zwerge den tristen sozialistischen Alltag der Polen.
Später, nach dem Fall des kommunistischen Regimes und Polens Wandel zu einer modernen Demokratie, wurden die Zwergengrafittis nicht nur durch Bronzeguss geadelt, sondern stiegen auch rasch zu einer formidablen Touristen-Attraktion auf. Papa Krasnal folgten weitere Zwerge, in immer ausgefalleneren Posen. Das Zwergen-Merchandise blüht – jede Wette, dass die viel geschmähten Slavek & Slavko-EM-Maskottchen gegenüber Breslaus Zwergen mal kräftig den Kürzeren ziehen werden.
Breslau – Stadt der skurrilen Sights
Sights der skurrilen Art hat Breslau aber auch noch andere zu bieten. Ein Abstecher ins ehemalige jüdische Viertel der Stadt hat mich auf eine ungewöhnliche Entdeckung gebracht. In einem Innenhof, gut verborgen von herrlich verwitterten, bröckelnden Hausfassaden, steht eine schneeweiße Synagoge im Stil des Klassizismus. Nicht nur der morbide Charme der umliegenden Gemäuer, auch die vielen hippen Cafés und Lokale des zunehmend angesagten Viertels ergeben einen spannenden Kontrast zum frisch restaurierten Gebetshaus.
Einen kurzen Fußmarsch weiter, kurz bevor der Weg in den großen, immer geschäftigen Marktplatz einmündet, trifft man auf den Salzmarkt (Plac Solny), ein entzückender Miniatur-Marktplatz, dessen Mitte fast rund um die Uhr die Blumenhändler in Beschlag nehmen (keine Frauen der Welt erhalten so oft Blumen wie Polinnen!). Die pastellbunten Giebelhausfassaden ringsum wirken mit ihren Schnörkeln fast wie Comicattrappen aus einem Daffy Duck-Cartoon.
Etwas abseits vom Schuss spannt sich die Grunwaldzki-Brücke über die Oder. Der Abstecher in einem der tropischen Breslau-Busse wird aber mit San Francisco-Feeling belohnt. Auf dem Gehweg der immerhin knapp 113 Meter langen Hängebrücke aus Stahl vermischt sich die heiße Zugluft des vorbeibrausenden Stadtverkehrs mit einer sanften Brise, die vom Fluss her aufzieht – einfach schön.
Freak-Architektur mit Unterhaltungswert – Jahrhunderthalle und Iglica
Noch weiter östlich der Innenstadt schlägt der Zeiger des Skurrilitäten-Detektors endgültig in den roten Bereich aus. Von der Moschee-Hochzeitstorten-Kreuzung Jahrhunderthalle (Hala Stulecia) auf dem historischen Ausstellungsgelände Breslaus war im letzten Blogpost bereits die Rede. Die seltsame Architektur-Schöpfung aus dem frühen 20. Jahrhundert hat es sogar auf die UNESCO-Liste geschafft. Als sorgte die Halle nicht schon für genug Verblüffung, gesellt sich auf ihrem Vorplatz noch eine nackte Stahlnadel gigantischen Ausmaßes dazu. Das Iglica-Denkmal war eine Schnapsidee der neuen kommunistischen Nachkriegs-Machthaber in Polen – mit einem aufwändigen Spiegelapparat auf der Spitze versehen, sollte es anno 1948 den Fortschritt der sozialistischen Gesellschaft verkörpern.
Dumm nur, dass die ursprünglich 106 Meter hohe Iglica Stunden nach ihrer Fertigstellung teilweise wieder zusammenkrachte. Die Spiegelvorrichtung brach ab, und zerschellte auf dem Platz darunter wo schon wenig später hunderte Menschen der pompösen Eröffnung einer propagandistischen Ausstellung beiwohnen sollten. Zwei junge Studenten aus dem Kletterclub der Breslauer Universität halfen den Altherren der Partei aus der Patsche, indem sie die Spitze der Nadel bestiegen und gefährliche Spiegelreste entfernten. Satte 30 Stunden dauerte diese spektakuläre Rettungsaktion, – Breslau hatte seine ersten Medienstars.
tripwolf EM-Quali – zweiter Spieltag in Breslau
Score: Mal ehrlich, diese Runde war nicht ganz fair. Breslau hielt sich nicht an die 11er-Beschränkung uns ließ fast hundert Zwerge auflaufen, die aufs Reglement pfeifen. Verdient hat sich die Stadt an der Oder den Sieg trotzdem: Was gibt es schöneres, als Sights, die aus dem Rahmen des Erwartbaren fallen. Breslau hat diesbezüglich so einiges zu bieten. Polen, das zeichnet sich allmählich ab, zieht in der Tabelle davon.
Zwischenstand: tripwolf: 6 / Polen: 10
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Noch 15 Tage bis zum Euro 2012-Ankick, die tripwolf-Blogserie gelangt zu ihrem letzten Spieltag! Einmal noch werde ich versuchen, auf einer polnischen Kneipentour Haltung zu bewahren – dieses Mal in den Party-Epizentren von Breslau. Demnächst auf tripwolf.com.











One Trackback
[...] sich in Breslau (Wrocław) abends die Zwerge schlafen legen, begibt sich das Ausgeh-Volk aufs Pflaster. Die Wasser-Stadt an der Oder ist für [...]