Kategorie: Reiseentwicklungen
pix Tourismus im Jahr 2012 – Fluch oder Segen?

Gastartikel von Thomas Endl, kusafiri.at

Im Mai dieses Jahres habe ich in Hurghada zum ersten Mal in meinem Leben einen All – Inklusive Club von Innen gesehen und erlebt was für die meisten Touristen „Urlaub“ bedeutet. Drei Mahlzeiten täglich, ein Reiseveranstalter – der auch dann da ist wenn er nicht gebraucht wird – und Massagen am Meer sind die eindeutigen Vorzüge einer Pauschalreise.

Während Männer das Rot ihrer Glatzen in mir unbekannte Sphären röten lassen und ihre weiblichen Pendants in einschlägigen Magazinen nachschlagen, wie Frauen das Jammern ihrer Gattern am besten überstehen, frage ich mich: „Ist es das? Ist das der Urlaub im Jahr 2012, den aber Millionen Menschen wollen? Für €500 für eine ganze Woche?“

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Pauschaltourismus in Ägypten – Fluch oder Segen? Foto: Thomas Endl

Über persönliche Präferenzen möchte ich nicht urteilen, allerdings – und hier beginnt die eigentliche Kritik – muss hinterfragt werden wieso in einem Land wie Ägypten, in dem es jährlich nur rund 24mm Niederschlag gibt, der Rasen in einem Hotel tagtäglich über mehrere Stunden gewässert wird? Ein paar Hundert Meter von einer Steinwüste entfernt! Brauchen westliche Touristen das Grün vor der Nase oder entstammen diese Ideen aus klugen Managementköpfen? 

Viel Wind um nichts? Trivial? Oder doch ein Funken Wahrheit?

Vorbei sind die Zeiten als Vasco da Gama den Seeweg nach Indien fand und James Cook die Südsee erkundete. Vorbei sind die Zeiten als Massentourismus ein Fremdwort war. Vorbei sind die Zeiten und dennoch war früher nicht alles besser. Aber: Als Hippies in den 1970er Jahren Asien entdeckten und das Interesse am fernen Osten nach Europa überschwappte, begann ein Prozess, der bis heute und auf ewige Zeit unaufhaltsam ist. Es gibt keine vergleichbare Branche die während Krisen so stabil ist wie die Tourismusbranche. Dennoch können lokale Ereignisse wie der arabische Frühling und die derzeitige Situation in Griechenland für temporäre Einbußen bei Veranstaltern sorgen.
Von einem Besitzer eines Souvenirshops in der Stadt Hurghada habe ich mir erzählen lassen, dass bis heute die Massen von früher ausbleiben. In vielen Ländern und Städten dieser Welt wäre dies kein Problem. Nicht so an der östlichen Küste Ägyptens: Hier reihen sich Läden und Restaurants nebeneinander und buhlen um die Gunst Kauffreudiger. Auch dies ist nicht unbekannt. Aber was passiert wenn eine Stadt nur auf die Tourismusbranche setzt und sonst keine Alternativen zu bieten hat? Das Wort Nachhaltigkeit wird heutzutage überstrapaziert und inflationär verwendet, aber in diesem Fall ist es treffend.
Wie schaffen es die Menschen an touristisch überlaufenen Orten ein geregeltes Einkommen zu beziehen, wenn die Massen ausbleiben? Naturkatastrophen häufen sich und sorgen jährlich für riesige Menschenverluste, während ganze Landstriche von der Weltkarte radiert werden.

Weitere Begleiterscheinungen des Massentourismus sind Prostitution (klar, hart verdientes Geld und wo keine Nachfrage, da kein Angebot), verbaute Landschaften, überbevölkerte Städtchen, die in nur wenigen Jahren die Anforderungen einer Großstadt erfüllen müssen und erhebliche Nachteile für Einheimische. Natürlich gibt es auch Vorteile, die später erwähnt werden.

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In der chinesischen Peripherie: Wo Tourismus – noch – ein Fremdwort ist. Foto: Thomas Endl

Backpacker, Pauschalreisende und Manager sind allesamt eines: Touristen! Sind es diese Menschen, die unbekannte Länder, einsame Sandstrände und pittoreske Städte auf Dauer verändern? Natürlich! Veränderung per se ist nichts Schlechtes, aber einheimische Unternehmen setzen all ihre Hoffnungen und Mittel auf ein Hotel, einen Jetski Verleih oder auf ein Restaurant. Und die Einwohner der Länder? Sie profitieren oftmals von einem Boom, doch wer vorher arm war, dessen Chancen stehen gut ärmer zu werden. Oder übersiedeln zu müssen. Oder den dritten Job annehmen zu müssen. Und das mit einem 4 Sterne Hotelkomplex vor der Nase. Wem würde das schon gefallen.
Spitzfindige finden immer einen Weg an ein wenig Geld zu kommen um die Familie ernähren zu können. Wieso werden aber Menschen aus dem eigenen Land nicht mehr in die Branche integriert. Wieso müssen westliche Unternehmen den Markt in Asien beherrschen? Würden einheimische Firmen anders handeln als ausländische? Wohl kaum!

Die Tourismusbranche schafft Arbeitsplätze wie wenige Branchen auf dieser Welt. Eine Putzfrau hat eben so gute Chancen einen Job zu ergattern wie ein hoch dekorierter Manager. Dies ist definitiv ein Vorteil des Massentourismus. Die Grundlage bietet eine gute Infrastruktur, die weitere Jobs schafft und den Einheimischen ein vernünftiges Verkehrsnetz, öffentliche Verkehrsmittel und neue Gebäude schafft.

Es ist nicht möglich eine neu entdeckte Landschaft auf Dauer vom Massentourismus fern zu halten. Dafür sorgen Reiseführer wie Lonely Planet, Backpacker, die ihre Erfahrungen im Internet teilen und all Jene, die solche Erlebnisse mit Freunden teilen wollen. Und so beginnt ein Umbruch, ein Aufschwung, der Ländern eine Popularität verschafft, die sie sich nur in Träumen vorstellen können. Wo vor zehn Jahren Backpacker und Individualreisende einsam an einem Strand in Thailand, Bali oder Vietnam lagen, befinden sich heute Hotelkomplexe, die keinen Wunsch mehr offen lassen. Tragen Entdecker der neuen Zeit zum Massentourismus bei? Werden in den nächsten Jahrzehnten Länder wie Usbekistan, Aserbaidschan, Sri Lanka oder Sierra Leone Ähnliches erfahren?
Es gibt noch sehr viele Länder auf dieser Welt die unentdeckt sind und hoffen eines Tages Teil dieser Bewegung zu werden. Schlussendlich bleibt die Frage: „Ist Tourismus im Jahr 2012 ein Fluch oder ein Segen?“

 

pixel Tourismus im Jahr 2012 – Fluch oder Segen?

2 Comments

  1. Posted 3. Juli 2012 at 20:06 | Permalink

    Jawoll ! Volle Zustimmung zum Inhalt des Artikels!
    Mit dem Tourismus allgemein sollte sorgfältiger umgegangen werden und auch wir sehen die Einflußnahme westlicher Konzerne in die touristische Entwicklung einzelner Länder mit dem Ziel dort im Profit vorne zu sein, durchaus kritisch. Das nächste Beispiel dürfte Myanmar werden.

  2. Posted 6. Juli 2012 at 02:00 | Permalink

    Hallo Michael!

    Die Tourismusbranche hat durchaus viele Vorteile für die einheimische Wirtschaft, aber wie immer verderben zu viele Köche den Brei.

    Ich bin gespannt ob in den nächsten Jahren ein Umdenken einkehren wird.

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