Der jährlich aufs Neue heraufbeschworene Festivalsommer ist im vollen Gange. Auch ich kämpfte im Juni schon mit Zeltaufbau im Sturm und unternahm mittelerfolgreiche Versuche, mit Glitzer vom Sonnenbrand abzulenken. Und doch tun wir es immer wieder. Denn Festivals haben zwar etwas Brachiales, aber auch etwas Magisches. Es entwickelt sich ein Gemeinschaftsgefühl, das euphorisieren aber auch frustrieren kann. Jeder Erschöpfungszustand ist am Ende wie eine Trophäe der besten Erinnerungen. Ein besonderer Höhepunkt im endlos scheinenden Sommermixtape aus Bands, Gummistiefeln, Sonnencreme und Raviolifrühstück ist das MS DOCKVILLE, das vom 10. bis 12. August in Hamburg stattfindet.
Ein wild bewachsenes Areal inmitten Industriespeicher und Hafenanlagen auf der Elbinsel Wilhelmsburg bietet Raum für Besonderes und wird rund 130 Bands und DJs, 50 Künstlerinnen und Künstlern und rund 22.000 Besucher beherbergen. Neben dieser urbanen Industrieromantik besticht das MS DOCKVILLE durch die enge Verzahnung von Kunst und Musik.
Seit dem 26. Juli finden sich im Kunstcamp 2012 Installationen, Interventionen und Performances unter dem Motto „Entweder. Oder.“ Zwei Wochen leben, arbeiten, feiern und denken alle Anwesenden den Entstehungsprozess der Open-Air-Ausstellung gemeinsam. Der Mikrokosmus bietet seinen Besuchern und Besucherinnen neben Kunstwerken, interessanten Menschen auch die Möglichkeit zu feiern und sich zu verkleiden. Im Graubereich des Entweder-Oders – im Dazwischen, im Auch, im Vielleicht und im Überhaupt. Das Kunstcamp öffnet seine Pforten während des Festivals und vom 02. bis 05. August.
Dennoch steht am Abschlusswochenende mit dem MS DOCKVILLE Festival die Musik im Vordergrund. Es spielen große Namen wie Hot Chip, James Blake oder die „auferstandenen“ Maximo Park. Die Macher setzen aber auch auf weniger bekannte Künstler wie Retro Stefson, Team Me und Tune Yards aus Island, Norwegen und den USA. Auch experimentelle Acts wie Michael Rother sind zu sehen. Die persönlichen Empfehlungen meiner Freunde sind: Frittenbude, We Have Band, The Jezabels, Nike & The Dove, Boy & Bear, Future Islands, Ghostpoet, Me And My Drummer, Whomadewho und oh, die Liste könnte noch ewig weiter geführt werden. Wem Kunstcamp und Musikbühnen noch nicht genug sind, kann sich auch beim Poetry Slam vergnügen.
Wer jetzt noch Argumente braucht, die Sachen zu packen und sich ins Festivalgetümmel zu schmeißen, den bombardiere ich mit ein paar Zahlen: 82% der angebotenen Lebensmittel stammen von lokalen Händlern, das gesamte Geschirr auf dem Gelände ist aus recyclebarem Material, die Bands und DJs kommen aus 13 Ländern, allerdings kommen auch 49 aus Hamburg. Acht Prozent der Besucher reisen mit dem Fahrrad an, um diese abzustellen, stehen 1400 Meter Zaun bereit. Und Leute – es gibt ein Duschcamp mit Keramiktoiletten!! Das mag trivial klingen, doch jedem Festivalbesucher zaubert diese scheinbar nebensächliche Information ein Lächeln ins Gesicht. Hachja, und schon ist jeglicher Ärger über zu heiße Zelte, zu kalte Duschen oder zu laute Campnachbarn vergessen. Und es juckt mir in den Füßen. Hamburg, wir kommen.
Dockville Festival/Kunstcamp: Reiherstieg Hauptdeich / Alte Schleuse, 21107 Hamburg-Wilhelmsburg. Festival vom 10. -12. August 2012. Kunstcamp zu besuchen während des Festivals und vom 02. bis 05. August 2012 (geöffnet Do/Fr ab 18.00, Sa/So ab 14.00). Tagestickets ab 29,90 Euro.








