Kategorie: Tipps
pix Pannonische Naturerlebnistage – Teil 2: Windkraft und Nationalpark Neusiedlersee   Seewinkel

Tag zwei der Blogreise durchs Burgenland beginnt denkbar ungewöhnlich. Ich wache unter dem strengen Antlitz Kaiser Franz Josephs in einem Biedermeier-Kastenbett auf, auf dem Weg ins Bad verfolgen mich die irren Blicke längst verblichener Barone und Landgrafen. Ja, wir weilen in einer Burg, und zwar nicht in irgendeiner, sondern in der letzten echten Ritterburg Österreichs.

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Aufwachen im Biedermeierbett – Burghotel Lockenhaus, Foto: Martin

Nur ein Marketinggag? Ein eiliger Entdeckungsgang nach dem Frühstück erstickt sämtliche Zweifel im Keim. Ich durchschreite steinalte Gemäuer und luge in mittelalterliche Burgräume: Speisesaal, gotischer Rittersaal, Tafelrunde, eine bestens ausgestattete Folterkammer und der geheimnisvolle „Kultraum“, in dessen Decke eine kreisrunde Öffnung klafft. Seit langem hält sich das Gerücht, Lockenhaus sei ursprünglich eine Ordensburg der berüchtigten Tempelritter gewesen. 

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Ritterburg-Ambiente wie es sein muss – Burg Lockenhaus, Foto: Martin

Wind und Flora am Neusiedlersee

Zu gerne würde ich noch weiter der rätselhaften Burg-Vergangenheit nachspüren, doch auf dem Programm unseres zweiten Naturerlebnistages stehen ganz andere Faszinosa: Windenergie und die wilde Flora des Seewinkels. Dazu verlegen wir ins Nordburgenland und an die Ufer des einhellig geschätzten Neusiedlersees. Unterwegs ziehen die vielfältigen „Klimazonen“ des kleinen Bundeslands vorüber – zuerst üppige grüne Waldwogen, dann die typische Landschafts-Flickendecke aus Feldern, Äckern und grellgelb leuchtenden Rapsfeldstreifen, das ganze gespickt mit Kirschbäumen. Zuletzt reihen sich Weinstöcke die Hänge hoch und es mehren sich die mit Abstand größten Gewächse auf den Fluren des Nordburgenlands – Windräder.

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Burgenland vom Süden bis zum Norden, Foto: Martin

Das Infocenter des Windparks Weiden überrascht mit seiner Nomadenarchitektur, doch sie macht Sinn. Wände aus losen Bruchsteinen, die von Maschendraht zusammengehalten werden – über unseren Köpfen reißt der Wind an festgezurrten Zeltplanen. Über die Parndorfer Platte fegt so viel Wind wie sonst nur an der Nordsee, erklärt uns ein Herr in blauem Windstopper und blauer Baseballkappe – auf der Wand neben ihm prangen die Worte Austrian Wind Power. Dafür verantwortlich sind die Alpenausläufer auf der einen und die beginnenden Karpaten auf der anderen Seite – in Summe ergibt das eine kräftige Windschleuse, die für Windräder wie geschaffen ist.

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Ökostromidylle im Windpark Weiden, Foto: Martin

Das hat auch die Politik erkannt und 1997 mit dem Ökostromgesetz die Grundlage für den Ausbau der Windenergie im Burgenland bereitet. Über 200 der weißen Riesen – auf 13 Windparks verteilt – stehen mittlerweile im Burgenland (übrigens sind sie beim näheren Hinsehen nicht wirklich weiß, sondern folgen im unteren Drittel der Farbgebung des Geländes), 26 davon im Windpark Weiden. Tendenz steigend – geeignete Standorte für Windenergie gibt es rund um den Neusiedlersee noch zur Genüge. Schon jetzt gewinnt das Bundesland einen beträchtlichen Teil seines Strombedarfs aus erneuerbarer Energie – bis 2013 sollen es gar 100 Prozent sein.

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Im Reich der Lüfte – Windpark Weiden Infocenter, Foto: Martin

Hi-Tech im Rapsfeld – die Windenergie im Burgenland boomt

Und wie sieht es mit dem Schutz unserer gefiederten Freunde aus, die nun zum Windräder-Slalom in luftigen Höhen verdonnert sind? Nur zwei Zugvögel hätte es in den letzten Jahren durch Rotorenblätter erwischt, versichert uns der „Herr der Lüfte“. Tragisch genug aber im Grunde erstaunlich wenig. Wir können somit getrost zu jenen Aspekten kommen, die uns am brennendsten interessieren. Wie hoch können diese Dinger werden, wie werden sie zusammengebaut, wie abgebaut (sprengen!?) und was kostet das Ganze. Der Herr im blauen Käppi kommt jetzt so richtig auf Touren: bis auf 200 Meter Gesamthöhe und 35 Meter Rotorenblattlänge kommen die Windanlagen, die im Einzelfall mit mehreren Mio. Euro zu Buche schlagen. Zwei Exemplare des weltweit leistungsstärksten Windrades, die Enercon E-126, stehen im Windpark Potzneusiedl. Insgesamt 120 LKWs sind nötig, um alle Teile anzuliefern. Die würden schon mal quer durchs Ackerland der heimischen Bauern gekarrt, die dafür – ebenso wie für die durch Windradfundamente belegten Feld-Quadratmeter – entschädigt werden. Woher er das so genau weiß? Er war selbst geerdeter Bauer, bevor ihn die BEWAG als Wind-Fachmann anheuerte.

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Pannonische New-Style-Küche – Landgasthaus am Nyikospark, Foto: Martin

Im Landgasthaus am Nyikospark in Neusiedl am See beschränkt sich Hi-Tech auf den Küchenbetrieb. Ansonsten sieht vieles noch wie aus einer Zeit aus, als man mit der Pferdekutsche zum Sonntagsschmaus anreiste. Die burgenländische Kulinarik-Institution enttäuscht uns nicht. Zander aus dem Neusiedlersee und die besten Cremeschnitten des Planeten führen zur Ausschüttung von reichlichen Glückshormonen.

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Nischenhobby Blumen-Beobachten im Schnürlregen – Nationalpark Seewinkel, Foto: Martin

Wilde Orchideen in der Steppe – der Nationalpark Neusiedlersee – Seewinkel

Die sind angesichts des letzten Programmpunktes unserer Burgenland-Rundreise auch bitter notwendig. Im Nationalpark Seewinkel (aber schlussendlich geht’s hier ja auch irgendwie um Natur) beschließt der Himmel seine Schleusen weit zu öffnen. So gerät die fernrohrbegleitete Jagd nach wilden Orchideen, die auf der Steppe am östlichen Ufer des Neusiedlersees ein recht unscheinbares Mauerblümchendasein fristen, zum Extremsport für hartgesottene Naturfreaks. An der Einzigartigkeit der geschützten Nationalpark-Landschaft kann das natürlich nichts ändern. Ein anderes Mal, bei Sonne und pannonischen Steppentemperaturen, gerne wieder!

Weitere Infos:

www.burgenland.info

www.naturerlebnistage.at

www.ritterburg.at

www.austrianwindpower.com

www.nyikospark.at

www.nationalpark-neusiedlersee-seewinkel.at

Offenlegung: Danke an Burgenland Tourismus und Kreativ Reisen Österreich für die Einladung ins Burgenland – der Trip hat Spaß gemacht und kann getrost weiterempfohlen werden.

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One Comment

  1. Posted 10. August 2012 at 16:32 | Permalink

    Schöner Artikel. Das sieht wirklich nach einem Abenteuer aus.
    Vorallem die Ritterburg erinnert mich an Kaltenberg, wo ich erst kürzlich war ;-) VG

One Trackback

  1. [...] die Anzeichen von Zivilisation freilich schütterer: Mystisch ragen die mächtigen Windräder der Austria Windpower aus der dichten Nebelsuppe, die schmale Bundesstraße zieht sich kilometerweit durch gefrorene [...]

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