Kategorie: Festivals, Tipps
pix 40 Festivals in 40 Wochen   Christine Neder im Interview

Im Jahr 2010 klopfte Christine Neder an 90 verschiedene Berliner Wohnungstüren und schlief während drei Monaten in 90 fremden Betten – Facebook und Couchsurfing machten es möglich. Der Selbstversuch brachte ihr zahlreiche Blog-Follower, einen Buchvertrag und eine Einladung auf die Promi-Couch von Stefan Raab ein. Nach einigen Monaten des biederen Erwerbslebens war für die diplomierte Modedesignerin klar, dass der normale Alltag für sie (noch) keine Zukunft hat. Ein neues Projekt musste her und war schon bald im Festivalfieber gefunden. Warum nicht der Jugend liebster Sommerbeschäftigung nachgehen und sie über ein ganzes Kalenderjahr ausdehnen? 40 Festivals in 40 Wochen – was für viele wahlweise nach unerfülltem Traum oder kalkuliertem Selbstmord klingt, füllt zurzeit Christines Agenda. Dass sie dabei gehörig in der Welt herumkommt liegt auf der Hand. Für tripwolf guter Grund, um mit ihr über das verrückte Vorhaben, die moderne Festivalkultur und das Reisen zu plaudern.

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40 Festivals in 40 Wochen, Foto: Christine Neder/ Lilies Diary

Martin/tripwolf: Christine, Du hast etwa zwei Drittel Deines 40-Festivals-Projekts absolviert, warst im englischen Hippiewald ebenso wie bei den Schwermetallern in Wacken – wie geht es Dir? Körperlich und mental? Hast Du noch Bock auf den Rest oder sehnst du dich inzwischen nach geregeltem Alltag und den beschaulichen vier Wänden Deiner Berliner Wohnung?

Wenn ich mir ein Projekt ausdenke, dann hat das meistens einen zeitlichen Rahmen – 90 Nächte, 90 Betten, 40 Festivals in 40 Wochen – und der muss auch eingehalten werden. Da kenne ich kein Erbarmen und bin sehr ehrgeizig – selbst wenn ich auf dem Zahnfleisch gehen würde. Aber soweit ist es noch nicht. Ich bin mental und geistig noch da. Zwar keine 100% mehr aber ich glaube das ist verständlich ;)

Was war das ungewöhnlichste Festival bisher oder anders gefragt, welches hat bei Dir den nachhaltigsten Eindruck hinterlassen? Welches hat Dich am meisten überrascht? 

KaZantip! KaZantip war der Wahnsinn. Schon allein in die Ukraine zu fahren ist ein absolutes Abenteuer. Leider kann ich nicht genau sagen, warum es das genialste Festival war. Das ist immer so – wenn etwas durch und durch super ist, kann man sich kaum an Details erinnern. Ich denke es war die Mischung. KaZantip ist eine eigene Republik mit Visa, in der fünf Wochen Party gemacht wird. Dieses Festival hat mir am meisten das Gefühl der Freiheit gegeben. Als wäre ich wirklich in einer anderen Welt. Es ist ja eigentlich kein Festival, es ist ein Projekt – das Projekt eine Welt zu schaffen, von der alle träumen.

Du hast Dich mit Rock am Ring und Rock im Park auch in die Höhle des Löwen gewagt. Wie viel Sinn siehst du in diesen komatösen Massenfestivals und wie bewertest du sie im Vergleich zu kleineren Independent-Veranstaltungen?

Ich denke auf die kleinen Festivals kommt man wirklich wegen der Musik und auf die großen einfach nur wegen dem Drumherum. Ich habe Leute kennen gelernt, die kein einziges Mal auf das Festivalgelände gegangen sind, sondern nur auf dem Campingplatz abhingen. Ich persönlich mag es lieber klein und fein. Ich würde aber auch wieder auf große Festivals gehen, nur wegen dem Spaß und den kranken Menschen. Aber auch, wenn das Line Up einfach grandios ist, so wie auf dem Frequency dieses Jahr. Ein Knaller nach dem anderen.

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Festival-Schlammbad, Foto: Christine Neder/ Lilies Diary

Du hältst am Festivalgelände gerne als Versuchskaninchen her und testest verschiedene Dinge an Dir aus, vom Trockenshampoo über gesunde Bio-Festivalkost bis hin zum angemessenen Heavy-Metal-Outfit. Gibt es eine mit Christine-Neder-Gütesiegel versehene Top-Empfehlung für den Festival-Alltag?

Ne, die gibt es nicht. Man geht ja auch auf Festivals, um seine eigene kleine Welt zu erschaffen, einen Alltag wie man sich ihn wünscht aber zu Hause nicht hat. Deswegen muss jeder selber heraus finden, wie er seinen Festival-Alltag gestaltet. Ich versuche meistens einmal am Tag zu duschen. Das ist das einzige Soll auf meiner persönlichen Liste ;) Ansonsten versuche ich nur unverbindliche Tipps zu geben wie man den Wahnsinn übersteht.

Festivals haben immer auch mit Reisen zu tun und lassen sich wunderbar mit Städte-Trips und Sightseeing kombinieren. Du warst bereits in Florida, unter der finnischen Mitternachtssonne und in der Karibik. Hand aufs Herz, inwiefern haben Reiseträume deine Festivalauswahl beeinflusst?

Ich könnte allein ein ganzes Buch über das Reisen schreiben… Als ich das Projekt angefangen habe, war mir gar nicht bewusst, dass ich es auch auf so viele weltweite Festivals schaffe. Die Karibik kam zum Beispiel ganz spontan. Dort war es so paradiesisch, dass ich das eigentliche Festival (Anm.: Saint Lucia Jazz Festival) fast vergessen hätte – vom Am-Strand-Sitzen und Aufs-Meer-Schauen. Es haben sich sehr viele Reiseträume erfüllt. Ich muss aber unbedingt überall noch einmal hin, weil ich immer zu kurz da war und gar nicht alle Eindrücke aufsaugen konnte. Für das Projekt selbst war es sicher gut, dass ich so kurz da war. Da hatte ich immer meine 3-Tage-Dauereuphorie und wurde niemals müde. Ich finde, Urlaub mit Festival zu verbinden ist perfekt um auf eine angenehme Art und Weise auch ein Stück Kultur mitzubekommen.

Lieber eine Woche All-Inklusive-Urlaub am Meer oder drei Tage Festival-Wahnsinn ohne Schlaf und warme Duschen?

FESTIVAL-WAHNSINN!!!!!! Damit ich mich auf All-Inklusiv-Urlaub begebe, müsste man mir schon viel Geld bezahlen. So etwas finde ich wirklich schrecklich.

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Festival-Fieber, Foto: Christine Neder/ Lilies Diary

Ich erinnere mich gut an mein Festival-Schlüsselerlebnis und es fand in einem Dixi-Klo statt. Das erste große Bier stieg nach stundenlanger Zeltplatzsuche bei über 30 Grad schlagartig in den Kopf. Ich stand also in dieser brütenden Kackbude, die Mittagssonne knallte von oben drauf und ließ ihre Kunststoffwände himmelblau glühen. Plötzlich erfassten sie die wummernden Bässe irgendeines Soundchecks, brachten alles zum Beben, drangen direkt in meinen Körper und rührten in meinen Gedärmen um. Es war wie eine Erweckung und der Startschuss zu fünf Tagen Freiheit. Was war Dein Schlüsselerlebnis, oder blieb es bisher aus?

Wow, das hast du schön beschrieben. Im Dixi kotzen zu müssen ist mein persönlicher Albtraum. Mein Schlüsselerlebnis war eine Lehre. Eine Lehre fürs Leben! Stelle dich nie an den Rand eines Moshpit-Schlammkreises um von deiner Freundin ein Andenkenfoto von den Wacken-Freaks machen zu lassen! Es wird bestimmt ein Idiot kommen, wenn nicht sogar zehn, die dich mit in den Kreis ziehen und deine Fresse in den Schlamm drücken.

Vermutlich hat in den letzten Monaten niemand so viele Musik-Festivals besucht wie Du. In der Vergangenheit machten unter den Festivalbesuchern oft seltsame Freizeitbeschäftigungen wie Schlammbaden und Free Hugs die Runde. Was sind die neuesten Festival-Trends? Hast du etwas beobachtet?

Ja, Schlammbaden hatten wir ja schon, siehe Wacken… Tierkostüme sind natürlich auch immer der Renner. Genauso wie Glitzer aller Art und sich von oben bis unten mit Lackstiften vollmalen (Edding-Tattoos).

Du bist im Laufe Deiner Mission viel alleine unterwegs. Fiel es dir leicht, in eine Art von gut gelaunter Festival-Community aufgenommen zu werden oder überwiegen die Momente, in denen man sich einsam in der (hackedichten) Masse fühlt?

Man lebt alleine auf jeden Fall intensiver. In beide Richtungen. Im Großen und Ganzen war ich überdurchschnittlich glücklich in der Zeit, aber wenn mich mal die Einsamkeit gepackt hat, dann richtig. Im Grunde aber fühlt man sich sehr selten einsam auf einem Festival. Es ist eine große Familie.

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Elderflower Field Hippiefestival, Foto: Christine Neder/ Lilies Diary

Welche Rolle spielen mobile Gadgets und Soziale Medien wie Facebook in der Vorbereitung und im Alltag von Festivals? Funktioniert das Networking im kollektiven Ausnahmezustand zwischen Bier, Schlamm und Zeltgassen? Gehen damit nicht auch Spontanität und ungefilterte Emotionen verloren?

Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren darüber. Für mich ist das Handy die Verbindung zur Heimat. Durch mein iPhone kann ich das alles mit meinen Freunden teilen. Aber ich bin ja im Gegensatz zu den meisten anderen auch allein. Mich regt es schon ganz schön auf, wenn ganze Gruppen mit dem Scheißding vor der Bühne stehen und es in die Luft halten. Mann Leute, legt das Ding weg und genießt die Musik! Die Erinnerung ist das schönste was euch bleibt. Nicht das scheiß Foto.

Du schreibst auf Deinem Blog, dass Du im Zuge Deiner Festival-Tour ein Gesellschaftsportrait unserer Zeit zusammenfügen möchtest. Die Generation der 68er floh vor familiären Zwängen und gesellschaftlichen Autoritäten in die Welt der Massen-Freak-Outs à la Woodstock. Festivals erfreuen sich heute so großer Beliebtheit wie seit 40 Jahren nicht mehr. Wovor glaubst Du fliehen die heutigen Teens und Twens?

Meine These ist noch nicht abgeschlossen. Ich bin ja auch noch nicht am Ende der Erforschung ;) Aber ganz klar, unser Alltag ist immer getakteter. Wir müssen immer schneller und besser funktionieren. Da brauchen wir den kompletten Ausgleich. Durchdrehen und ausflippen für 48 Stunden.

Was macht für Dich das Festival-Feeling aus? Gibt es Erfahrungen, die Du in Deinem weiteren Leben auf keinen Fall mehr missen möchtest?

Es ist der Ausnahmezustand. Ein Wochenende für keinen anderen funktionieren zu müssen, sondern nur für sich selbst. Es ist schön zu wissen, dass es solche Plätze noch gibt. Und wie friedlich die Menschen doch miteinander leben können. Man muss ihnen nur genug Alkohol und gute Musik geben ;)

Sziget 500x329 40 Festivals in 40 Wochen   Christine Neder im Interview

Sziget Festival in Budapest, Foto: Christine Neder/ Lilies Diary

Die Frage kann ich uns beiden nicht ersparen: Welche drei Dinge gehören unbedingt mit aufs Festival? Handy, Zahnbürste und Taschentücher jetzt mal außen vor. Wobei.. Du bist ja bekannt für Deine kreativen Nutzungsweisen.

Ein Buch. Nicht nur zum Lesen. Man kann es in Kombination mit einem Taschentuchpaket als Kissen umfunktionieren.

Küchentuch.

Haargummi. Lange Haare in fremden Zahnspangen sind alles andere als schön…

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Festival Survival Package, Foto: Christine Neder/ Lilies Diary

Die Festival-Saison ist im vollen Gange. Erzähl uns kurz von Deinen weiteren Festival-Plänen. Wohin wird die Reise noch gehen? Wie ich höre siehst Du Dich nach Tickets für das berüchtigte Burning Man Festival tief in der Wüste Nevadas um?

KaZantip hat mich so geflasht, dass ich nicht mehr zum Burning Man möchte. Ich muss mir ja noch irgendeine Steigerung für nächstes Jahr aufheben. Ich werde stattdessen Tomaten in Valencia schmeißen und schauen wie in Georgia, Helen, das Oktoberfest gefeiert wird.

Und dann?

Dann mach ich mir gemütlich eine Dose Bier auf, setzte mich auf meinen Campingstuhl und schau, was so vorbei läuft. Und wenn mir was gefällt, stehe ich auf und lauf mit. Das Leben ist jeden Tag wie ein großes Festival ;)

Danke für das Interview!

Wer Christine auf ihrer weiteren Festival-Tour folgen möchte, kann das auf ihrem Blog tun: www.lilies-diary.com

Im November erscheinen ihre Festival-Erlebnisse in Buchform (40 Festivals in 40 Wochen – Von einer, die auszog, das Feiern zu lernen, Amazon).

Das Interview führte Martin Foszczynski

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One Comment

  1. Maggi
    Posted 3. September 2012 at 08:52 | Permalink

    Ein ganz grosses Lob an deine bisherige Festival-Saison.Wir haben es dieses Jahr “erst”auf 6 Festivals geschafft und dabei bleibt es auch. “Hurricane”,”Main Square/Frankreich”,Fiberfib/Spanien”,”Deichbrand”,”Oma´s Teich” und “Wacken”
    Jetzt meine Frage:Wie kannst du das alles finanziell “reissen”?

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