Kategorie: Kulinarik, Tipps
pix Eat! Brussels   wie man ein Restaurant Festival rockt

Auf leeren Magen sollte man nicht arbeiten, schon gar nicht als Redakteur eines Reiseführers. Unter Umstände setzt einem nämlich die Recherche Flausen in den Kopf, die so schnell nicht wieder auszutreiben sind. So geschehen vor einigen Wochen, als ich mir die Gastronomie-Szene der belgischen Hauptstadt vornahm. Ich las von Kaninchen im Kirschbier, von Muscheln mit Mayo und Fritten. Kurz: es war um mich geschehen.

Arbeitskollegen erkannten mich nicht wieder. Burn-out? Frühherbstliche Depression? Mit mir war nichts mehr anzufangen. Ich wollte mittags nicht mehr mit raus in den grauen Problembezirk, um mir im Supermarkt um die Ecke von der groben Wurst-Frau eine verpackte Putenbrust-Semmel mit auf den Rückweg geben zu lassen. Ich wollte nach Belgien, ins gelobte Land der Gourmetküche.

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Gourmet-Himmel Brüssel, Foto: Martin

Und dann ging alles Schlag auf Schlag. Man könnte es auch Fügung nennen. Ich las per Zufall von brusselicious 2012 – einem ganzen Jahr im Zeichen des Essens und der Gastronomie. Und von Eat! Brussels, dem ersten Open-Air-Restaurant-Festival der belgischen Hauptstadt. Brauchte es noch einen weiteren Wink des Schicksals? Jetzt galt es nur noch das Tourismusbüro davon zu überzeugen, dass ich der richtige für eine Mission war, die idealerweise darin bestand, sich durch die Reichtümer der belgischen Küche durchzukosten (hat funktioniert).

In Brüssel war ich schon öfters, doch bis auf die obligatorischen Fritten und Flughafenshop-Pralinen ging sein kulinarisches Kulturgut an mir weitgehend vorbei. Jetzt wollte ich es wissen, und zwar von A bis Z!

09:05 Uhr Frühstück „brusselicious“

Ich verkehre nicht oft in so noblen Hotels wie dem Le Meridien. Darin unterscheide ich mich wohl nicht großartig von den meisten anderen Städtereisenden. Sich in einem von 25 teilnehmenden Brüsseler Sterne-Hotels zumindest ein Frühstück zu gönnen, ist bis Ende des Jahres aber eine Überlegung wert. Dort werden ihm Rahmen des brusselicious-Gourmetjahres ohne Aufpreis die P’tits Dej‘“ serviert – bestehend aus einer breiten Auswahl an regionalen Produkten, die für die klassische Brüsseler Küche stehen.

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brusselicious Frühstück @ Le Meridien, Foto: Martin

Die Buffet-Auswahl ist tatsächlich erfreulich. Ich lade mir salzigen Räucherschinken, würzigen Kloster-Käse und frische Früchte auf den Teller. Etwas später streiche ich Bio-Aprikosenmarmelade und herrliche Nougatcreme, die so süß ist wie geschmolzene Pralinen, auf knackiges Gebäck. Für die kleinen Blutwürstchen samt Rührei aus der warmen Abteilung bleibt fast schon kein Platz. Der Food&Beverage-Chef des Le Meridien schaut vorbei und erklärt mir, dass sich bereits einige City-Hotels um eine verstärkte Anbindung regionaler Anbieter bemühen. Die Zusammenarbeit von weltweiter Hotelkette und Bio-Produzenten stoße dabei naturgemäß auf Probleme, etwa die saisonal beschränkte Verfügbarkeit der Produkte oder auch die benötigten Mengen.

Eat! Brussels – das erste Restaurantfestival der belgischen Hauptstadt

Eat! Brussels – was für ein Titel! Schon unterwegs in der Stadt war mir klar, dass die Marketingmaschinerie des in diesem Jahr erstmals stattfindenden Restaurant-Festivals (13.-16.9.) schnurrt. Sein grell pinkes Logo vor kariertem Geschirrtuchmuster prangt auf Straßenlaternen, Pissoirwänden und Trams.

Der erste Anblick des Festivalgeländes ist beeindruckend. Eine Siedlung aus weißen Lounge-Zelten erstreckt sich über eine Wald-Lichtung mitten im Bois de la Cambre – einem grünen Naherholungsgebiet im Süden der Stadt. Gleich hinter dem schicken Zeltdorf ziehen Schwäne und Ruderboote über das stille Wasser eines kleinen Sees – das Idyll ist perfekt.

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Festivalgelände – die Ruhe vor dem Sturm, Foto: Martin

Wok im Park

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich könnte das Festivalgelände, so wie es dasteht, ohne Umschweife an ein Rockfestival verliehen werden. Während sich an den Rändern die Ess-Stände reihen, ähnelt das Zentrum mit gebrandeten Cocktail-Bars und Autoverlosung der gewohnten Festival-Infrastruktur. An der Soundanlage dürfte auch nicht gespart worden sein, sie bläst mit mächtigem Rums loungige Deep-House-Beats übers Gelände. Sogar eine Reihe Dixiklos entdecke ich, allerdings nobel im Hain hinter der Zeltgasse versteckt. Was fehlt ist im Prinzip nur die Musikbühne, doch das ist schon ok – schließlich soll hier ja das Essen die erste Geige spielen.

17:12 Uhr            Smoked Roastbeef mit Grillkartoffeln und Kräuterbutter

Eat! Brussels, der Name ist Programm. Ich hole mir an der Kassa Gratis-Jetons und VIP-Bändchen ab – schon kann’s los gehen. Man kommt tatsächlich nur schwer drum herum, das Konzept des Festivals genial zu nennen. 30 angesagte Restaurants aus Brüssel und Umgebung bieten insgesamt 100 Speisen aus ihrem Repertoire an. Dazu sind sieben weitere Zelte an internationale Regionen – etwa Peking und Kiew – vergeben. Die angebotenen Leckereien werden auf der Theke präsentiert und  – je nach Laune nach einem kurzen Plausch mit den Köchen – frisch zubereitet. Gezahlt wird mit bunten Plastikjetons („Eats“), die an den Jeton-Kassen im Tausch gegen schnöde Euros erhältlich sind (1 Euro entspricht 1 Eat, Minimum: 30). Die Preise pro Gericht liegen zwischen 6 und 14 Eats.

Jetons 500x375 Eat! Brussels   wie man ein Restaurant Festival rockt

Eat-Jetons, Foto: Martin

Theke 500x375 Eat! Brussels   wie man ein Restaurant Festival rockt

Gourmet-Präsentation, Foto: Martin

Festivalgelände 500x375 Eat! Brussels   wie man ein Restaurant Festival rockt

Man nehme ein Festivalgelände, ersetze die Bühne durch Ess-Stände und die Musiker durch die besten Köche der Stadt – fertig ist das erste Restaurant-Festival!, Foto: Martin

Klar gibt es auch ein Programmheft, nur dass darin statt Bands die Stars der heimischen Gourmetszene vorgestellt werden. Damit kann man wie bei einem Musikfestival die persönlichen Favoriten ermitteln. Die Vorzüge von Eat! Brussels liegen auf der Hand: innerhalb eines halben Tags lässt sich im Durchschlendern die Kochkunst mehrerer Restaurants verkosten, deren tatsächlicher Besuch – sei es auf Grund von Zeitmangel, Reservierungsaufwand oder schlicht Kosten – sonst oft durchs Gitter fällt. Zwar sind die Portionen gelegentlich kleiner (aber somit auch billiger) und es muss mit Grilltellern und Plastikbesteck vorliebgenommen werden – doch dafür schlemmt man in einzigartiger Natur-Festival-Kulisse.

18:06 Uhr            Schweine-Spareribs aus Sichuan in süßsaurer Sesamsauce

Nach etlichen Überblicks-Runden mit gierigen Augen und heraushängender Zunge werden die wiederkehrenden Gesichter hinter den Theken allmählich vertraut (umgekehrt wohl genauso). Die China-Delegation überredet mich endlich dazu, einen Teil meines Guthabens in Schweine-Rippchen zu investieren, was ich keinesfalls bereue. Ich wechsle ein paar Worte mit dem Vertreter des Chalet Robinson, ein beeindruckendes Holzbalken-Restaurant, das gleich auf der anderen Uferseite des Sees liegt (Zufahrt per eigene Restaurantfähre!). Später lasse ich mir vom Chef des angesagten Callens Café (Avenue Louise, 480) das abartig leckerste Roastbeef meines Lebens aufschneiden.

China Delegation 500x375 Eat! Brussels   wie man ein Restaurant Festival rockt

Sichuan @ Eat! Brussels, Foto: Martin

Allens Café 500x375 Eat! Brussels   wie man ein Restaurant Festival rockt

Smoked Roastbeef @ Callens Café, Foto: Martin

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Smoked Roastbeef; Foto: Martin

Smoked Roastbeef 500x375 Eat! Brussels   wie man ein Restaurant Festival rockt

Smoked Roastbeef und “eats”, Foto: Martin

Chalet Robinson 500x375 Eat! Brussels   wie man ein Restaurant Festival rockt

Chalet Robinson mit Resto-Fähre, Foto: Martin

19:08 Uhr            Pilzravioli mit Parmesan und schwarzem Trüffel

Je weiter der Nachmittag in Richtung Abend gleitet, desto chilliger wird die Festival-Atmosphäre. Die Leute schunkeln zur stetig plätschernden House-Mucke. Auf den voll besetzten Stehtischen und entlang der pinken Flanierstege flackern Wachskerzen. Über das ganze Gelände verstreut fläzen Feinschmecker ungezwungen in kleinen Gruppen in Liegestühlen und Rasenabschnitten, oft mit einem Gläschen Champagner oder brusselicious-Bier in der Hand. Dazwischen tollen Kinder und Hunde im Gras. Einzig im „VIP-Zelt“, in das mich ein grimmiger Security-Typ durchwinkt als stieße ich zur Vollversammlung lokaler Mafiabosse, herrscht gähnende Leere.

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Festival-Feeling, Foto: Martin

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Gourmet-Chill Out, Foto: Martin

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We love Brussels!, Foto: Martin

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Festival-Feeling, Foto: Martin

VIP Lounge 500x375 Eat! Brussels   wie man ein Restaurant Festival rockt

Party hard in der VIP Lounge, Foto: Martin

Ich koste noch die Pilzravioli mit schwarzem Trüffel von „Ricotta & Parmesan“ (Zentrum, beim Theatre Royal) und möchte vor Genuss in die Erde des Festivalgeländes schmelzen. Für die anbrechende Weinverkostung bleibt keine Zeit mehr. Man ist schließlich nicht zum Vergnügen da.

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Ricotta & Parmesan, Foto: Martin

Trüffel 500x375 Eat! Brussels   wie man ein Restaurant Festival rockt

Pilzravioli mit Trüffel @ Ricotta & Parmesan, Foto: Martin

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Eat! Brussels Festivalgelände, Foto: Martin

Brusselicious Menus – Haute cuisine auf belgische Art

Fürs Dinner nämlich gilt es sich um 20h im Atrium-Restaurant des Radisson Blu Royal Hotels einzufinden. Der Ort klingt nicht nur exklusiv, er sieht auch so aus. Neben den Tischen plätschern kleine Wasserfälle in einen Fischteich,  über den Tischen spannen sich stylishe Stoffsegel, und darüber – sehr, sehr viel höher – spannt sich wiederum die Glasdecke des spektakulären Hotel-Innenhofs. Dennoch kostet das Essen hier nicht die Welt – brusselicious macht es möglich. Über zwanzig Hotelrestaurants nehmen daran teil und zaubern aus drei vorgegebenen, regionaltypischen Zutaten ihre vom jeweiligen Chefkoch frei interpretierten Menü-Kreationen. Zu Preisen zwischen ca. 30 und 50 Euro.

20:17 Uhr            Blätterteig-Törtchen mit Champignons-Fülle und marinierten Schnecken
20:48 Uhr            Gegrillte Kuckucksbrust mit Foie Gras gefüllt auf Spargel und Sauce Hollandaise

Schnecken aus Namur, Kuckuck aus Mechelen und frische Erdbeeren – so lautet die Vorgabe der Saison. Ob das ein Volltreffer ist, vermag ich kurz vorm Servieren noch nicht mit Gewissheit zu bejahen. Die Schnecken (erstaunlich zart) schmecken zum Glück nach nicht viel und am ehesten wie Tintenfisch. Jemals einen Kuckuck zu essen, hätte ich auch nicht im Traum gedacht. Dass der lustige Kellner ihn mit einem lauten „Kuckucks“-Schrei ankündigt, schmälert die Gewissensbisse nur bedingt. Doch der Kuckuck (eigentlich handelt es sich ja um eine Haushuhnart, weiß der Geier, warum sie die Belgier “Coucou” nennen) möge es mir verzeihen - es mundet köstlich, wie zartestes Hähnchen. Gänseleber, krass angeröstete Minikartoffeln, feiner Spargel und frisch aufgeschlagene Sauce Hollandaise tun das Ihrige zur Geschmacksknospenexplosion.

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Kuckucksbrust @ Radisson Blu Royal Hotel, Foto: Martin

21:08 Uhr            Marinierte Erdbeeren mit Speculoos-Eiscreme und karamellisiertem Erdbeer-Cracker 
21:17 Uhr            Warmer Schoko-Brownie mit Vanilleeis und Mangosirup

Eiscreme aus flämischen Speculoos-Biskuitkeksen herzustellen und sie mit Erdbeeren zu garnieren verdient den Nobelpreis, egal in welcher Sparte. Dass der Kellner versehentlich noch einen warmen Schokokuchen mit Vanilleeis und Mango-Sirup kredenzt – geschenkt. Meine natürlichen Kapazitäten sind ohnehin seit Stunden überschritten. In der flüssigen Schokolade, die aus dem inneren des Brownies rinnt wie Götternektar, möchte man schlicht ertrinken.

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Schlusspunkt: Schoko-Brownie mit Vanilleeis, Foto: Martin

Nachtrag: Laut Veranstaltern war die erste Ausgabe von Eat! Brussels mit rund 25.000 Besuchern, die 50.000 Speisen verdrückten, ein voller Erfolg. Über eine Fortsetzung im nächsten Jahr wird jedenfalls nachgedacht.

Die brusselicious Hotel-Breakfasts und Menüs können noch bis 31.12. reserviert werden. Zu den weiteren Highlights des verbleibenden gastronomischen Jahres gehören diverse Themen-Dinners, das Straßenbahn-Dinner „Tram-Experience“ und das Schokofestival vom 19. bis 25. November.

Das „große Fressen“ geht weiter: Im nächster Blogpost zeigt mir Brussels Greeter Déna die Gastronomie-Szene ihrer Heimatstadt – die traditionsreichsten, leckersten und skurrilsten Gastronomieperlen in Brüssel.

Offenlegung: Danke an Belgien Tourismus Wallonie-Brüssel für die Unterstützung bei der Durchführung dieses Gourmet-Trips. Alle geäußerten Meinungen sind meine eigenen.

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