Vom Berliner Kinosessel in zwei der berühmtesten Theatersäle der Welt. Schon immer war eine Moskaureise mein großer Traum, seit der Eröffnung des Bolschoi Theaters im letzten Jahr brenne ich noch mehr darauf, mir dort von weltberühmten Tänzern und Musikern eine Geschichte erzählen zu lassen. Die Yorck Kinos Cinema Paris und das Kino International machen das jetzt möglich und zeigen in der Saison 2012/2013 klassische Ballettinszenierungen aus dem Bolschoi Theater sowie zeitgenössische Choreographien des Nederlands Dans Theaters aus dem Lucent Danstheater in Den Haag. Zum Auftakt wurde La Syphilde nach der Musik von Herman Severin Løvenskiold in einer Liveübertragung aus Moskau gezeigt. Und ich war natürlich dabei.
Das mit charismatischer DDR-Opulenz ausgestattete Kino International ist sowieso mein Liebling und der perfekte Ort, um sich von einem russischen Ensemble zu der Musik eines norwegischen Komponisten in die schottischen Highlands entführen zu lassen. Wie erwartet, waren Kostüme, Inszenierung und Theater klassisch, mitreißend und beeindruckend. An der Bar gibt es Champagner und Bretzeln, der Terminplan der Aufführung steht genau auf die Minute (17.05 – 17.41 Uhr Akt 1), ich versinke im Sessel und fühle mich wohl. Eine Moderatorin mit etwas angsteinflößendem Lächeln und Abendkleid führt auf Englisch und Französisch durch das Programm, erklärt Details zum Bolschoi, zu den Tänzern und zum Stück. Durch die Kamera ist es möglich, alle Details zu erkennen, die Ballerinen schweben tatsächlich geradezu feenhaft durch das Stück. Und dennoch sehe ich auch zum ersten Mal auf der Bühne, wie hart Ballett wirklich ist. Im Theater bekommt man das große Bühnenbild, hier kann man auch die Kleinigkeiten betrachten. Eine verschwitzte Weste, die kleinen Flügel am Kostüm der Fee, die angespannten Muskeln – die Illusion der Leichtigkeit vom Ballett wird als solche aufgedeckt und doch gefeiert.

Bolschoi Theater in Moskau – Foto: flickr 아침놀
Auch in der Pause bewege ich mich nicht aus meinem Kinosessel – die Übertragung gewährt einen Blick hinter die Kulissen. Und offenbart, dass das ehrfürchtige Bolschoi Backstage auch nur wie eine Turnhalle aussieht, Ballerinen zwischendurch Sweatshirt und Ugg-Boots überm Tutu tragen, im Interview sogar richtig witzig sein können und die Moderatorin wahrscheinlich Kieferprobleme vom Dauergrinsen bekommen wird. So verfliegt auch der zweite Akt und 18:49 Uhr werden die Zuschauer wieder in die Berliner Wirklichkeit entlassen. Schade, ich wär gern noch ein Weilchen geblieben.
Wer bei der Veranstaltungsreihe einen pompösen Abend in Abendkleid erwartet, wird sicher enttäuscht. Wer einige der besten Tanzinszenierungen der Welt in entspannter Atmosphäre mit vielen Hintergrundinformationen sehen möchte, ist hier genau richtig. Als Kontrastprogramm möchte ich nun unbedingt noch eine Show des Nederlands Dans Theaters besuchen. Und wahrscheinlich werde ich mich auch noch mindestens einmal im Bolschoi einfinden. Für kleine Fluchten vorm Berliner Nieselregen und große Kultur auf der Leinwand.
Die nächste Veranstaltung der Reihe „Bolschoi und Nederlands Dans Theater live im Kino“ findet am 21. Oktober statt. Gezeigt wird Schwanensee aus dem Bolschoi Theater im Cinema Paris. Am 15. November ist die erste Aufführung des Nederlands Dans Theaters zu sehen. Die Tickets kosten 20 Euro, 15 Euro ermäßigt. Es wird auch ein 6er Abo angeboten. Das komplette Programm und mehr Informationen sind hier zu finden.





