Mit dem Paradies ist es so eine Sache. Im Grunde zieht es uns alle auf die Sonnenseite. Stellt sich aber heraus, dass schon allzu viele andere Anwärter die – sagen wir – Heurigenbänke besetzen (wer kann schon mit Sicherheit behaupten, dass es Wolken sind?), will man womöglich gar nicht mehr so sehr hin. Noch kniffliger wird’s in irdischen Paradiesen, besitzen wir Erdenbürger doch die erstaunliche Gabe, uns sogar den Himmel zur Hölle zu machen. Davon, zumindest am Rande, handeln die folgenden Zeilen. Und von der Einsicht, dass „Hangover“ nicht nur an der Hotelbar in Vegas, sondern auch am Maronibrater auf der Wiese stattfinden kann.
Aber alles der Reihe nach. Vor einigen Tagen durfte ich auf Einladung von Graz Tourismus einen Ausflug ins Südsteirische Weinland unternehmen. Eine kleine aber feine Gruppe von Bloggern und Reisejournalisten leistete mir dabei Gesellschaft. Anders als am Vorabend, als wir eine private Gourmet-Tour durch die Grazer Spitzengastronomie genossen (dazu demnächst mehr), setzten wir dieses Mal auf solide Fremdenverkehrsangebote. Und zwar in Form eines bis in die letzte Reihe mit internationalen Steiermark-Frischlingen aufgerüsteten Touristen-Bombers. Von der heiteren Mädelsrunde bis zum Seniorenpaar, von Spanien bis New York war alles vertreten und bereit für die Bus-Exkursion hinein ins Grüne Herz Österreichs.
Mit dem Touristen-Bomber ins Südsteirische Weinland
An die Spitze der bunten Horde setzte sich eine Grazer Fremdenführerin mit himmelblauem Steirer Dirndl und etwas schriller Stimme – sehr bemüht, der unwissenden Fracht per zweisprachigen Mikrofonvortrag die Eigenarten ihrer Heimat näherzubringen. Kaum rollt der Autobus über die südliche Stadtgrenze, werden wir auch schon auf den ganzen Stolz der Steiermark hingewiesen. Nein, gemeint ist nicht Frank Stronachs Magna-Steyr-Werk, das den Deutschen ihre Luxus-Karossen von Mercedes bis BMV produziert(e), sondern der Anblick abgeernteter Felder hinter den Leitplanken. Vor kurzem reihten sich hier noch die Kürbisse, die zwar hübsch anzusehen, aber im Grunde nur ihrer Kerne wegen angebaut werden. 40 Kürbisse seien nötig, um einen Liter Kürbiskernöl zu pressen, lernen wir. Das „Steirergold“ hat folglich seinen Preis, sparsamer Umgang ist den Einheimischen dennoch fremd. Ohne das nussige Beiwerk geht in steirischen Küchen gar nichts – es landet im Brot, in Suppen, auf Vanilleeis und – zumindest bei unserer Reiseleiterin – in der Spagettisauce.
“Steirergold” all over
Schon nach 20minütiger Fahrt auf der Pyhrn-Autobahn passieren wir Ehrenhausen. Die kleine, pittoresk von der Mur gestreifte Marktgemeinde mit erhöhtem Schloss und Mausoleum ist das Tor zur Südsteirischen Weinstraße. Und tatsächlich, schon nach wenigen Straßenkehren entblößt sich jene Landschaft, die ich Tags davor – durchaus anerkennend aber völlig falsch – als österreichische Toskana bezeichnete. Die Graz-Guides-Chefin rümpfte sogleich die Nase und korrigierte mich: „Das ist unser Südsteirisches Himmelreich!“. Wie Recht sie haben sollte.
Die Sonne strahlt vom blauen Himmel. Immer weiter und immer steiler entrollen sich die geometrisch schraffierten Weinhänge zwischen saftig grünen Wiesen, pappelgeschmückten Hügelkuppen (die Dinger sehen einfach aus wie Zypressen!) und angeherbstelten Mischwaldzungen in die dunstigen Weiten eines nahezu perfekten Oktobertags. Samstags, um genau zu sein – und diese Tatsache beginnt sich langsam auch bemerkbar zu machen. Ein erster Anflug von Verkehrsstau wird zu einem kurzen Vortrag über den Südsteirischen Wein genutzt. Der mache nur ein Siebtel (knapp 15 Prozent) des österreichischen Weinmarkts aus, heimse aber regelmäßig begehrte Preise ein. Wobei – ganz frei von Ressentiments – gilt: Steirischer Wein ist weiß. Anders als etwa im Burgenland liegt der Anteil an Rotweinen bei marginalen 20 Prozent. Das ist dem gegenüber der Tiefebene raueren Klima des Hügellandes geschuldet.
Kampflinie im “Südsteirischen Himmelreich”
Raueres Klima macht sich zunehmend auch auf der lächerlich schmalen Straße bemerkbar. Langsam wird mir klar: An sonnigen Herbst-Wochenenden ist im Weinparadies südlich der steirischen Hauptstadt wirklich alles auf den Beinen (und Rädern): Großfamilien, wandernde Pärchen, Biker-Kolonnen, Triathleten, Nordic Walker und Cabrio-Poser. Mittendrinnen bahnt sich unser Reisebus mit bemerkenswerter Ruhe seinen Weg um Häuserkanten, durch kleine Wäldchen und über steile Serpentinen. Dank intakter Überlebensreflexe seitens der anderen Verkehrsteilnehmer, in Kombination mit waghalsigen Lenkradverrenkungen und Balanceakten am Böschungsrand, geht das eine Zeitlang auch gut.
Neben der Fahrbahn reihen sich die abgestellten Autos und platzen die Buschenschenken aus allen Nähten. Ganze Horden von Ausflüglern sitzen im Freien, an Heurigentischen oder auch nur auf Klappstühlen am Straßenrand, eingehüllt vom dichten Rauch der Maronibrater. Maronibrater? Unsere Steiermark-Tutorin löst das Rätsel sogleich auf. Ganz prächtige, saftige Kastanien würfe die Natur in dieser Region ab. Neuer Wein, Sturm und geröstete Maroni gehörten unbedingt zusammen. Warum? Weil Maroni durstig machen. „Wennn die Leute Maroni essen, trinken sie doppelt so viel Wein“, strahlt unsere Reiseleiterin und reicht sogleich die englischsprachige Erklärung nach: „Hangover in Styria – you know!“.
Maroni und Sturm – Hangover auf Steirisch
Wir machen Halt im Weingut der Winzerfamilie Tement, die zusammen mit den Polz-Brüdern zu den Big Playern des südsteirischen Weinlands zählt (Manfred Tement bewirtschaftet übrigens auch die Weinlagen des steirischen Ex-Tennis-Ass und Weinliebhabers Thomas Muster). Von der modernen, chromglänzenden Verkostungs-Terrasse hoch über dem Südhang der Lage Zieregg erstreckt sich eine atemberaubend schöne Schlucht aus grünen Weinhängen. Ich blinzle in die Sonne. Dem Blick stellt sich nichts in den Weg – er stürzt üppiges Grün herab, gleitet über kurze Hügelwogen und verliert sich über einem Scherenschnitt aus dunstigen Bergketten am Horizont – irgendwo dazwischen beginnt Slowenien. Man muss kein Sommelier sein um zu ahnen: An einem Ort und in einem Mikroklima wie diesem, müssen sich die Trauben einfach sauwohlfühlen – wie im SPA-Urlaub.
Es geht weiter. Unsere Reiseleiterin begrüßt die Sitzreihe auf ihrer Seite auf Deutsch und die auf der Fahrerseite auf Slowenisch. Genau in der Mitte der Straße verläuft die Staatengrenze. Die Fahrbahn ist vielleicht breit genug für zwei Nationen, niemals aber für zwei Fahrzeuge. Optimismus scheint eine Tugend der Steirer zu sein. Wie sonst ist zu erklären, dass der Buschauffeur auf einem Sträßchen mit Gegenverkehr, dessen Ausdehnung jene seines Fahrgeräts um maximal zwei Spritzergläser überschreitet, ebendieses mit heiterer Gelassenheit in die Serpentinen manövriert.
Ein surrealer Tag
Es kommt wie es kommen muss. Wo sich schon PKWs nur mit zwei Rädern über dem Abhang aneinander vorbeiquetschen, ist für einen Zwölf-Tonner Sense. Nach eingehendem Studium der Lage, schiebt die 20 teilige Autokolonne vor uns widerwillig in den Wald zurück, aus dem sie kam. Das dauert. Es wird ein bisschen genörgelt und “gebellt” (eine Eigenart des steirischen Dialekts). Zeit, um sich der prächtigen Aussicht jenseits des Panoramafensters zu widmen. Dieser Tag ist irgendwie surreal.
Wir besuchen den schönen Winzerhof der Familie Muster-Poschgan, auf dem sich blondschöpfige Kinder, Katzen und die Ladung zweier vor der Haustür geparkter Reisebusse tummeln. Unweit davon, in der Eory-Schenke, gibt es Jause. Buschenschenken dürfen per Buschenschankgesetz neben Wein nur kalte Speisen aus Eigenproduktion kredenzen. Das muss nicht weniger deftig sein. Die „belegten Brote“ füllen ein ganzes Brett und verschwinden unter einer Schicht aus Blutwurst, Speck, Schinken und Kren.

Klapotetz auf dem Muster-Poschgan-Hof – die windbetriebene Vogelscheuche aus Holz ist im Südsteirischen Weinland allgegenwärtig, Foto: Martin
Unsere blaugedirndelte Reiseleiterin setzt sich zu uns. Die Verschnaufpause wird zum Plaudern über die Gegend und das große Besucheraufkommen genutzt. Sie seufzt ein wenig und träumt vom späten Herbst im November und vom Winter, wenn hier alles dichtmacht und die Straßen hochgeklappt werden.
Steirische Route 66
Bei der Abfahrt von der Eory-Schenke versinkt die Sonne hinter hundert Hügelkuppen. In Gamlitz, der lokalen Winzerhochburg, ist das Weinlesefest noch im vollen Gange. Ein weiterer Besuchermagnet dieses Wochenendes. Fahrwerke und Karussells blinken in der Dämmerung, an der Hauptstraße reihen sich große Stores mit allerlei Winzerbedarf: Silos, Weinflaschen, Traktoren. Ein wenig erinnert das an die Route 66 – auf Steirisch eben.
Die steirische Route 66 führt nicht nach Vegas, sondern aus dem Weinland zurück nach Graz. Grüne Weinhänge ziehen vor meinem geistigen Auge vorbei. Vielleicht nicht an einem sonnigen Wochenende Anfang Oktober. Vielleicht nicht im Touristenbus. Aber ich werde wieder kommen. Garantiert.
Links:
- www.graztourismus.at
- www.suedsteirischeweinstrasse.at
- www.tement.at
- www.musterweine.at
- www.eoryschenke.at/web
Offenlegung: Danke an Graz Tourismus und Kreativ Reisen für die Einladung in die Steiermark. Alle geäußerten Meinungen sind meine eigenen.














One Comment
Wow, was fürn tolles Online-Urlaubs-Fotobuch. Das sieht herrlich und lecker und nach einem gelungenen Urlaub aus, da kann man ja ganz neidisch werden, vor allem, weil hier nur noch jeder auf den Goldenen Oktober wartet :/
One Trackback
[...] Toren der Stadt erstreckt sich noch nicht das Mittelmeer, sondern zunächst die grünen Wogen des Südsteirischen Weinlandes. Das vom Süden her aufziehende Klima sorgt nicht nur für gute Laune bei den Grazern, sondern auch [...]