Kategorie: Transsibirisches Abenteuer
pix Zugfahren in Russland und im postsowjetischen Raum| Übernachten am Bahnhof

Für manche Streckenabschnitte oder Situationen ist es für den transsibirischen Eisenbahnreisenden besonders praktisch, in der Nähe vom Bahnhof zu übernachten. Hat man z.B. ein paar Stunden zwischen Zügen, aber nicht genug Zeit, um sich die jeweilige Stadt anzusehen, wäre es ideal, eine Budget-Option unweit vom Bahnhof zu finden.

Zu schön, um wahr zu sein?

Nein! In Russland und den Ländern der GUS*gibt es das!

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Der Irkutsker Bahnhof. Foto: Eli

Darf ich vorstellen: komnaty otdycha (ко́мнатны о́тдыха)

Komnaty otdycha bedeutet so viel wie „Erholungszimmer“. Diese einfachen, billigen Zimmer kann man pro Stunde oder pro Nacht am Bahnhof mieten. Oft sind sie direkt im Hauptgebäude des Bahnhofs untergebracht, gelegentlich aber in einem anderen Gebäude in unmittelbarer Nähe.

Erholsame Varianten: von sehr, sehr Basic bis „Lux“

Die Erholungszimmer sind einfach gestaltet, generell aber sehr sauber. Die billigsten Betten kann man in Vierbettzimmern mit Gemeinschaftsklo buchen, es gibt auch Zweibett- und Einzelzimmer.

Man muss als Alleinreisende/r davon ausgehen, dass die restlichen Betten im gemieteten Mehrbettzimmer auch gefüllt werden: sie sind sehr populär. Es wird also definitiv mit fremden Menschen geschlafen. Wie im Zug, nur sind die komnaty otdycha nach Geschlechtern getrennt.

Die schönsten Zimmer werden „Lux“ (auch manchmal als „Luxe“ oder „Lyux“ transliteriert) genannt und sind  Einzelzimmer mit privatem Bad.

Die günstigste Schlafmöglichkeit am Bahnhof: Bett im Preis nicht inbegriffen

Falls alle Zimmer ausgebucht sind, gibt es noch die Option, sich im „sicheren Wartezimmer“ (= verschließbar) einzuquartieren. Dieses Zimmer ist, wenn am jeweiligen Bahnhof vorhanden,  nicht mit Betten, sondern bequemem Couchen ausgestattet. Es ist im sicheren Wartezimmer ruhiger und angenehmer als im gewöhnlichen Wartesaal. Bezahlt wird pro Stunde: diese Zimmer sind am allerbilligsten.

Kosten

Laut Reiseführer „The Trans-Siberian Handbook“ kann man mit 18,- Euro/Nacht im Mehrbettzimmer oder 30,- Euro/Nacht im „Lux“-Zimmer rechnen. Ich habe für meine Ruhepause im sicheren Wartezimmer in Irkutsk weniger als neun Euro für neun Stunden gezahlt.

In welchen Bahnhöfen kann man sich in den Erholungszimmern erholen?

In allen größeren. In kleineren sind diese manchmal gar nicht vorhanden, beziehungsweise kann die Qualität um einiges schlechter sein als in großen Bahnhöfen.

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Foto: flickr/Vokabre

WCs und Duschen

Für diejenigen, die im Zimmer kein eigenes oder mit den Zimmergenossen geteiltes Badezimmer haben, gibt es das allgemeine Gemeinschaftsklo. Dieses kostet umgerechnet circa 30 Cent und kann sehr unästhetisch sein. Diese Aussagen basieren auf meiner Erfahrung in Irkutsk.

Duschen gibt es manchmal separat zu mieten.

Ja, ich will-meine erholsame Zeit im Erholungszimmer buchen. So wird’s gemacht:

Im Bahnhofsgebäude ist meist ein spezieller Schalter mit der Aufschrift ко́мнатны о́тдыха vorhanden; wenn dieser schwer zu finden ist, einfach fragen. Bezahlt wird im Vorhinein am Schalter.

Meine Erfahrung mit der Erholung

Ich ging der streng aussehenden, robusten Frau, die mir eben mein Erholungszimmer im Bahnhof von Irkutsk verkauft hatte, nach. Sie führte mich in den Warteraum, wo eine ganze Menge Russen der Abfahrtstafel  zugewandt warteten.

Die Frau ging direkt auf die Mauer unter der Abfahrtstafel zu. Dies verwirrte mich ein bisschen, bis ich begriff, dass da, kaum merkbar, die Tür zu einem Zimmer aus der Wand herausragte. Ich war mir sicher, dass alle im Wartesaal mich anstarrten, als ich durch die Wand unter der Abfahrtstafel in mein Zimmer eintrat.

Türkis, türkis, die Farbe des Zimmers unter der Abfahrtstafel

Das Zimmer war sehr türkis. Die Wand war türkis. Der Tisch war türkis. Die beiden Couches, türkis.

Zu meinem Entsetzen gab es gar kein Bett. Was ich damals noch nicht begriffen hatte, war, dass ich eben einen Platz im sicheren Wartezimmer gekauft hatte.

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Das sichere Wartezimmer, mein Zuhause. Foto: Eli

Da ich ja jetzt hier am Bahnhof wohnte, machte ich mich gleich daran, meine Straßenbekleidung gegen Pyjamahose und Flip-Flops zu tauschen. Ich zog mir noch die Jacke drüber, es hatte ja Minusgrade draußen. Als ich mein Zimmer in meinem sehr ausländisch aussehenden Aufputz verließ, starrten mir viele Augen, die eben noch auf die Abfahrtstafel gerichtet waren, entgegen.

Ich tat so, als ob das alles nichts Besonderes wäre.

Ich bin Ausländerin und wohne alleine unter der Abfahrtstafel am Bahnhof von Irkutsk

Na und. Ich suchte das WC auf. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon Einiges in Sachen Gerüche und unschöne WC-Anblicke gewohnt. Ich werde bildliche Beschreibungen unterlassen, aber diese Erfahrung sticht in meiner Erinnerung als besonders schrecklich heraus.

Dann kaufte ich mir am Bahnhof  Essen, welches ich in meinem türkisen Zimmer genoss. Ich bekam im Laufe des Abends eine Zimmergenossin, die kein Englisch sprach aber recht nett zu sein schien.

Alles in allem verbrachte ich trotz der vielen Lautsprecherdurchsagen und dem intensiven Blauton eine erholsame Nacht im Erholungszimmer.

 

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