Das erste, was sich in Polens Hauptstadt in meinem Kopf festsetzt, ist das Quietschen ihrer einfahrenden Metrogarnituren. Es klingt wie die Abspannmelodie eines französischen Liebesmelodrams aus den 70er Jahren, das ganz tief im Herbst spielt und kein Happy End hat. Eine gewisse melancholische Ader, das sollte mir klar werden, zieht sich durch die ganze Stadt. Doch diese Grundstimmung ist zu einem großen Teil in Zwischenräume verdrängt und vom Alltagsgetöse überspielt. Das Warschau von heute ist zuallererst eine geschäftige Boomtown, eine pulsierende europäische Metropole, die vor gut zwanzig Jahren aus ihrem sozialistischen Dämmerzustand aufgeweckt wurde und jetzt geradezu explodiert. Alle einstigen Entbehrungen müssen aufgeholt, alle Vorbilder übertrumpft werden. Die Lust am schnellen Leben lässt Shopping-Malls ebenso wie Hypes um schicke Restaurants und Clubs nur so sprießen.

Warschaus Zentrum aus Sicht des Kulturpalasts - die Boomtown wächst in die Vertikale, Foto: Martin
Turbo-Metropole mit Durchhängern
Im quirligen Zentrum Warschaus treten sich zur Stoßzeit umherhastende Menschen auf die Füße, während ringsum riesige Baukräne eine neue Skyline hochziehen. Dem alten Kulturpalast – einem gigantischen und auch gigantisch bescheuerten „Geschenk“ Stalins – wachsen längst moderne Wahrzeichen aus Stahl und Glas über die Ohren: Bankentürme, Hotels, Shopping-Malls.
Andernorts stockt die Modernisierungs-Maschinerie. Blickt man auf dem Weg nach Warschau aus dem Busfenster, ziehen dutzende Kilometer Autobahnbaustelle vorbei, doch kein einziger Kilometer ist vollendet. Das noch in Bau befindliche neue Warschauer Nationalstadion avancierte jüngst zum Gespött der Medien, da die Treppen falsch montiert wurden. Wäre man böse, könnte man meinen, die Melancholie der Warschauer rühre davon, dass in ihrer Stadt nie etwas fertig wird. Die längst geplante und dringend notwendige zweite Metrolinie fährt, als gestrichelte Linie, nur auf optimistischen Verkehrsplänen. weiterlesen »
